Kultur : Mieses Wetter, gute Zeit

H. M. Enzensberger stellt die Frühjahrsfellows der American Academy Berlin vor

Moritz Schuller

Die Schriftstellerin Nicole Krauss berichtet, sie habe im vergangenen Jahr viel herumgesessen und gelitten. Das habe sie sich auch für Berlin vorgenommen. Jonathan Safran Foer, auch er Schriftsteller, hat das vergangene Jahr damit verbracht, Schlachthäuser in Amerika zu besuchen. In Berlin wolle er, ein Vegetarier, das aufarbeiten. Und Katherine Boo, Starautorin beim „New Yorker“, zieht für ein Jahr an einen Ort, um eine einzige Geschichte zu schreiben, meistens über die Armen und Unterprivilegierten in Amerika. Ihr Problem sei es, sagt sie, zu entscheiden, wann es Zeit ist, wieder abzuhauen.

Diese Entscheidung wird ihr und den anderen Frühjahrsfellows der American Academy abgenommen: Sie sind nur so lange in der Stadt, bis der Sommer beginnt. Sie sind für die grausamen, die grauen Monate nach Berlin gekommen, aber das kommt den meisten Fellows wohl entgegen: Sie sind nämlich, in unterschiedlicher Weise, dem Schmerz auf der Spur.

Und noch bevor die stark literarisch geprägte Stipendiatengruppe am Montagabend in der Villa am Wannsee von ihren Plänen berichten konnte, machte Hans Magnus Enzensberger ihnen Mut: Alle, die auf der Suche nach Hässlichkeit seien, sagte er, wären in Berlin gut aufgehoben. Er sei zwar kein Berliner, Enzensberger sprach in britischem Englisch und mit einem Gesicht, als sei er gerade aufgewacht, aber in der Stadt finde sich diese besondere Form der Hässlichkeit, jene nämlich, auf die Menschen stolz seien.

Von Enzensberger hatten die meisten der Fellows auch schon gehört, der Anthropologe Michael Taussig las ihn, als er noch ein radikaler Marxist in London war. Was ihn damals besonders beeindruckt habe, sei die Fähigkeit Enzensbergers gewesen, das Politische, das Philosophische in Erzählungen zu verwandeln.

Statt Enzensberger las Omer Bartov als Kind, damals noch in Israel, lieber die Erinnerungen von Heinz Guderian und Heinrich Böll. In Berlin will der Historiker von der Brown University eine Biografie der ukrainischen Stadt Buczacz verfassen, aus der seine Mutter rechtzeitig geflohen war. Es wird eine Geschichte des persönlichen Schmerzes, denn der Rest seiner Buczaczer Familie kam im Holocaust um.

Susanna Elm, Historikerin in Berkeley mit Berliner Wurzeln, will die Stigmata, die Wunden der antiken Sklaven, als Vorbilder für die christliche Markierungsideologie deuten, und der Stanforder Jurist Lawrence Lessig will einen Roman über Kindesmissbrauch schreiben.

Nur Taussig will sich der Hässlichkeit entziehen und sich während seines Berlin-Aufenthalts auf die Suche nach der Farbe des Heiligen begeben – um dann doch bei der IG Farben zu landen.

Berlin, sagt Enzensberger, zeige die Wunden des Krieges, die Fellows sollten sich nur die Einschusslöcher an den Häuserwänden der Stadt anschauen. Einer, ein alter Kenner des hässlichen Berlins, kennt die schon: David Barclay, Historiker vom Kalamzoo College, schreibt an einer Geschichte West-Berlins von 1948-1994.

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