Mietvertrag gekündigt : Kritisches Moskauer Theater Teatr.doc muss umziehen

Das regierungskritische Theater Teatr.doc verliert seine Spielstätte in Moskau. Die Behörden gaben als Grund nicht genehmigte Umbauten an. Beobachter sprechen dagegen von einem weiteren Schlag gegen unabhängige Künstler in Russland.

Das Theater Teatr.doc in Moskau.
Kein Platz für Gesellschaftskritik: das Theater Teatr.doc in Moskau.Foto: teatrdoc.ru

Die russischen Behörden haben dem bekannten regierungskritischen Theater Teatr.doc in Moskau nach zwölf Jahren überraschend den Mietvertrag gekündigt. Das Ensemble habe die Räume ohne Zustimmung verändert, so die Begründung der Verwaltung der Hauptstadt. Beobachter sprachen von einem weiteren Schlag gegen unabhängige Künstler in Russland.

Das 2002 gegründete Theater hatte immer wieder mit frechen Inszenierungen für Furore gesorgt, etwa mit einer bitterbösen Satire über Kremlchef Wladimir Putin oder einem gesellschaftskritischen Stück über das Geiseldrama 2004 in Beslan mit mehr als 330 Toten. Theaterchefin Jelena Gremina bezeichnete die Kündigung zum Jahresende als „dumm“. Das Ensemble habe alle Anweisungen stets befolgt. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin sagte, er wisse nichts über den Fall. Es gebe so viele Theater in Moskau, da könne er nicht alle Häuser kennen.

Unabhängige Theater in Moskau vom Aussterben bedroht

Die Moskauer Zeitung "Wedomosti" schrieb zur Kündigung des Mietvertrags: „Es geht nicht unbedingt um den politischen Scharfsinn oder um die Skandalsucht von „Teatr.doc“. Es wird wegen seiner Unabhängigkeit „kriminalisiert“ - nicht so sehr wegen der ideologischen, sondern vielmehr wegen der institutionellen und finanziellen. Gegründet von Theater-Enthusiasten lebt es von privaten Spenden, Zuschüssen und Eintrittsgeldern. Es kommt im Haushalt der Kulturabteilung nicht vor, die Behörden können es nicht mit dem Entzug von öffentlichen Mitteln unter Druck setzen. (...) Der Bezug der Behörden und der Gesellschaft zur unabhängigen Kunst ist der beste Indikator für ihren Zustand. In Moskau sind (dem Bürgermeister Sergej) Sobjanin unbekannte Theater, die dem Staat nicht auf der Tasche liegen und keine Gönner in der Geschäftswelt haben, offenbar zum Aussterben verdammt.“

Teatr.doc finanziert sich vor allem aus Eintrittsgeldern, nachdem der staatliche Zuschuss gestrichen wurde. In Teilen der russischen Kulturszene, in der Selbstzensur und vorauseilender Gehorsam keine Seltenheit sind, genießt die Off-Bühne Kultstatus. Das mehrfach preisgekrönte Ensemble war auch einige Male in Deutschland zu Gast. (dpa)

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