Kultur : Mijnheer Mortier sucht sein Revier

Wieviel Kultur passt in den Pott? Premieren und Perspektiven bei den 57. und letzten Ruhrfestspielen – und der neuen Ruhr-Triennale

Frederik Hanssen

So schließt sich der Kreis: 1946 kam die Hamburgische Staatsoper ins Ruhrgebiet, um – „Kunst für Kohle, Kohle für Kunst“ – Carl Orffs „Die Kluge“ vor Bergarbeitern zu spielen. Am vergangenen Wochenende startete Hansgünther Heyme die Ruhrfestspiele 2003 mit Franz Wittenbrinks Liederabend „Les Adieux“, einer Koproduktion mit den Hamburger Kammerspielen. Ein doppelter Abschied war damit gemeint: Zum einen der Ausklang der Ära Heyme nach 13 Jahren, in denen er sein Konzept eines politischen und dennoch populären „europäischen Festivals“ mit wechselnder Fortüne durchhielt. Zum anderen das Ende der Ruhrfestspiele selber, die nach 57 Jahren in der Obhut des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Stadt Recklinghausen nun in der neuen Ruhrtriennale aufgehen werden. Dann wird vieles anders, nicht nur weil der Berliner Volksbühnen-Chef Frank Castorf künftig die Leitung der Schauspielsparte übernimmt. Und auch die Premierenfeiern dürften nicht mehr so gemütlich ausfallen, mit DGB-Vertretern auf dem Podium und putzigem Tischfeuerwerk.

Abschied ist ein bisschen wie Sterben, lautet eine Schlagerweisheit – doch wie herb den Altheros Heyme und wohl auch viele Traditionalisten die Überführung der in der Region fest verwurzelten Recklinghausener Festspiele in die vom ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten Clement angeschobene, hoch ambitionierte (und luxuriös ausgestatteten) Triennale ankommt, wollte sich am letzten Wochenende niemand anmerken lassen. Zum Abschied wurde gefeiert, bei herrlichem Frühsommerwetter draußen und Dauerregen auf der Bühne: In dem tristen Wartesaal, den Raimund Bauer für „Les Adieux“ entworfen hat, mischen sich melancholische Rückschau und brennende Sehnsucht zu jener bittersüßen Atmosphäre, die Portugiesen saudade nennen. Ein Fado allerdings war im wild gemischten Programm dieses Liederabends für sechs Schauspieler nicht dabei; dafür aber so ziemlich alles andere, was sich zwischen Renaissance-Gesang und dem Girlie-Trio „Las Ketchup“ denken lässt.

Franz Wittenbrink, der genialische Tastendompteur und manische Musikmacher saß selber am Piano, schnitt die Songs messerscharf gegeneinander wie ein DJ, mixte als cooler Barkeeper die Stile, die Stimmungen. Treffsichere Textpersiflagen (der „Millionär“-Song der Prinzen wird zu „Ich wär so gern nicht mehr Friseur“) werden mit tränendrüsentreibenden Balladen überblendet, Agitprop auf Brecht-Gedichte selbstironisch durch Freddy Quinns „Schön war die Zeit“ relativiert. Das Beste an diesem Soundtrack unseres Lebens aber ist seine heitere Ernsthaftigkeit. Wittenbrinks Potpourri wirkt nachhaltig, weil sein Humor nie umkippt in modischen Zynismus. Dazu schwebte als special guest Esther Ofarim wie ein Schutzengel aller unterwegs Gestrandeten über die Bühne. Riesenjubel.

Dass Hansgünther Heyme hinter sein diesjähriges Festivalmotto „Bessere Welten“ ein Fragezeichen gesetzt hat, mag man auch als Seitenhieb auf die Ruhrtriennale verstehen, auf die Genre- und Städtegrenzen überschreitende Bühnendocumenta, die das gesamte Ruhrgebiet als Festspiellandschaft definieren soll, mit ganzjähriger, spektakulärer Bespielung aufgelassener Industriestätten.

Noch ist diese „Ruhrstadt“, jene Acht-Millionen-Einwohner-Agglomeration zwischen Düsseldorf und Dortmund, Recklinghausen und Wuppertal vor allem eine theoretische Größe, erfunden von nordrheinwestfälischen Politikern, genutzt auch mit Blick auf die (inzwischen gescheiterte) Olympiabewerbung, gedacht als innerdeutsches Pendant zur Europäischen Union: Gemeinsam sollen die Städte auf dem Markt auftreten, sich als Einheit präsentieren zum Wohle des Standortfaktors, ein El Dorado der Innovation – und der Kultur. Denn auch was die Bühnendichte betrifft, ist das Ruhrgebiet ein Altes Europa in nuce. Nirgendwo auf der Welt liegen Theater und Opernhäuser so dicht beieinander. Und der Gründungsboom, der mit der staatlich verordneten Neudefinition des Kohle- und Stahl-Zentrums als Kultur(melting)pott einsetzte, ist noch nicht vorüber. Gerade erst wurde in Bochum ein ehemaliges Gussstahlwerk als gigantische Jahrhunderthalle für 35 Millionen Euro theatertauglich gemacht (Tsp vom 2. 5.), da verkünden die ortsansässigen Symphoniker auch schon, sie wollten direkt neben der Hauptspielstätte der Ruhrtriennale ein Hangar für ihre Konzertserien ausbauen. Ein Wunsch, geboren aus dem ungebrochenen Drang der Städte, ihre Einzigartigkeit zu betonen, anstatt sich als Teil des harmonischen Zusammenklangs zu begreifen. Im benachbarten Essen wird der Saalbau ebenfalls für das Stadtorchester renoviert, 20 Kilometer weiter prunkt Dortmund seit einigen Monaten mit einem eleganten Konzerthaus.

Diese Bühnenblüte hat nur einen Haken: Das Publikumsverhalten will (noch) nicht mit der Angebotsexplosion mithalten. Erhoffte man sich am Dortmunder Stadttheater zunächst positive Effekte vom neuen Konzerthaus, mussten die Kulturmacher bald feststellen, dass sie sich nun die lokale Stammkundschaft mit dem Konkurrenten teilen. Jeder neue Besucher muss hart erkämpft werden.

Mit diesem Problem ringt natürlich auch Triennale-Chef Gerard Mortier. Überregional ist sein Festival schon jetzt da angekommen, wo es hin sollte: Man spricht über die neue Kultur an der Ruhr, freut sich auf spektakuläre Projekte mit Bob Wilson („The Temptation of St. Anthony“ ab dem 20.6.) oder La Fura dels Baus (Mozarts „Zauberflöte“ ab 7.9.). Die Besucherzahlen aber halten kaum mit der Intensität des Medienechos mit: Nur 65 Prozent der Plätze waren im Herbst 2002 besetzt, und auch jetzt ist selbst Purcells „King Arthur“ unter Thomas Hengelbrock noch nicht ausverkauft.

Die englische Barockoper ist eine Wunde auf Mortiers Intendantenseele – ursprünglich war sie als Gemeinschaftsproduktion mit dem Mühlheimer Theater geplant. Dann aber kam es zum Zerwürfnis mit dessen Intendanten Roberto Ciulli, und auch die übrigen „Lokalbarone“ (Mortier) reagieren weiterhin zögerlich auf Kooperationsangebote. Um so heftiger feierte man am Sonntag die Zusammenarbeit von Triennale und „Musiktheater im Revier“ bei Arthur Honeggers „Jeanne d’Arc au bucher“ in Gelsenkirchen. Auch NRW-Kulturminister Michael Vesper strahlte und sprach von „Maximierung der Ressourcen“. Die Tatsache, dass der Chor durch Sänger aus Prag „verstärkt“ werden musste, ließ allerdings erahnen, dass im Probenprozess nicht alles glatt ging.

Reizvoll ist die Produktion dennoch geworden: Dirigent Marc Piollet trifft den Ton dieses oratorio dramatique, macht im oftmals spröden Klangbild die unterschiedlichen Stilelemente hörbar, die Honegger in seinem 1938 uraufgeführten Stück amalgamiert hat, von Archaisch-Mittelalterlichem bis hin zur Unterhaltungsmusik-Groteske in der Gerichtsszene. Das Bühnenarrangement, das Regisseur Stanislas Nordey zusammen mit seinen Ausstattern Emmanuel Clolus und Raoul Fernandez schuf, geriet dagegen fast ein wenig zu schön, um wahrhaftig zu sein. Um so heller strahlte am Premierenabend die Schauspielerin Dörte Lyssewski aus der Pracht hervor: Unbewegt steht sie ganz vorn an der Rampe, der rechte Arm wie im letzten Hieb der heiligen Schlacht erstarrt, der Mund fragend geöffnet. Ihre stärkste Waffe aber sind diese weit aufgerissenen Mädchenaugen, die so viel verstehen von der Nächstenliebe und so wenig von politischer Kriegsraison. Blicke der Reinheit und der Unschuld, die man lange nicht vergessen kann.

Am Ende steigt Jeanne d’Arc die große Treppe hinauf, im verlöschenden Bühnenlicht dem Theaterhimmel entgegen. Gerard Mortier, dem flämischen, unerschütterlichen Kulturermöglicher wünscht man einen ähnlichen Aufstieg in der Publikumsgunst von Herzen. Er hat seine Arbeit fürs Ruhrgebiet gemacht, das Feld bestellt, das ihm anvertraut wurde. Längst arbeitet er parallel am Spielplan für die Pariser Oper, die er 2004 übernimmt. Wie es die Regeln des globalisierten Kulturbetriebs erzwingen, wird sein Nachfolger bereits Ende Juni benannt.

Infos unter www.ruhrtriennale.de oder der Telefonnummer: 070020023456 .

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