Mike Cahills „Another Earth“ : Unser ungelebtes Leben

Schnörkellos kühn: „Another Earth“

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Und eines Tages ist die zweite Erde einfach da und tut, als sei sie immer da gewesen. Lässt Wolken an sich vorbeiziehen, wird von der Sonne beschienen, flankiert vom Mond. Ein Science-Fiction-Film würde an dieser Stelle ein Raumschiff entsenden, und Scotty würde beamen, was die Transporter hergäben. Ein Indie-Film wie „Another Earth“ bleibt lieber auf der Erde und schaut zu, was aus den Menschen unten wird.

Auf dem Sundance-Festival hat Mike Cahills Debüt den Spezialpreis der Jury bekommen. Zu Recht: „Another Earth“ ist Filmkunst in Reinform, weil er nutzt, was dieses Medium gegenüber allen anderen auszeichnet. Das Bild von der zweiten Erde, wie reingehängt in den Himmel, vergisst man so schnell nicht wieder.

Unter ihr entwickelt sich die altbekannte Geschichte von Schuld und Sühne. Rhoda (Brit Marling) ist jung, schön und begabt, bald wird sie anfangen, Astrophysik zu studieren, jetzt will sie erst einmal auf eine Party. Als im Autoradio die Meldung von einem neuen Planeten kommt, wendet sie ihren Blick von der Fahrbahn Richtung Himmel und verursacht einen Unfall. Eine Frau und ihr Sohn sterben, der Mann überlebt.

Schnitt, fünf Jahre später. Immer noch schauen alle in den Himmel und sprechen über die neue Erde, auf der jeder Mensch angeblich ein zweites Mal existiert. Rhoda dagegen, aus dem Gefängnis entlassen, beugt sich möglichst tief über den Boden. Sie wischt die Korridore in einer Schule, hochfliegende Pläne hat sie keine mehr. Nur eines will sie noch – den überlebenden Mann, einen Komponisten namens John (William Mapother), um Vergebung bitten.

Cahill hat das Drehbuch mit der Hauptdarstellerin Brit Marling geschrieben, beide haben Wirtschaftswissenschaften studiert, entsprechend geradeaus ist ihre Erzählweise. Zwischen Bild und Bedeutung bestehen klare Beziehungen. Als Rhoda das erste Mal vor John steht und sieht, wie zerstört er ist, traut sie sich nicht, ihre Entschuldigung vorzubringen und bietet stattdessen ihre Putzdienste an. Ordnung in der Wohnung schaffen, wenn man schon das Leben ins Chaos gestürzt hat – dass der Wunsch nach Wiedergutmachung so eindeutig visualisiert wird, wirkt wohltuend altmodisch in einer Zeit, in der oft möglichst verrätselt, um mehrere Ecken herum und am besten nicht chronologisch erzählt wird.

Auch in anderer Hinsicht ist „Another Earth“ seiner Zeit hinterher. Die USA sind hier noch die Weltmacht. Sie sprechen als Erste mit der anderen Erde, schlicht und würdevoll stellen sie sich als „Vereinigte Staaten von Amerika, Planet Erde“ vor. Die Unterhaltung wird im Fernsehen übertragen, danach gehen die Menschen auf die dunklen Straßen und schauen zu ihrem zweiten Leben hinauf. Sie rücken dicht zusammen, in solch einem Augenblick ist niemand gern allein, aber innerlich entfernen sie sich voneinander. Steht dort oben ein anderer Mensch neben ihnen? Sind sie selbst besser, glücklicher, gelassener? Haben sie bestimmte Fehler nicht begangen?

Nur Menschen, die keine Reue kennen, lässt diese Szene kalt. Allen anderen wird der Himmel über dem Kino auf dem Nachhauseweg einsam und leer erscheinen. Verena Friederike Hasel

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