Kultur : Mike vom Jupiter

Rausch der Schönheit: Der amerikanische Trash-Künstler Mike Kelley liebäugelt in der Galerie Jablonka mit Matisse

Nicola Kuhn

Ein einziges Getöse umfängt den Besucher, dazu flimmert es in Grün, Gelb, Rot. Zwischen meterhohen Glasstürzen, hölzernen Podesten, auf denen Miniaturstädte aus Gießharz stehen, Gasflaschen in altmodischem Design und an die Wand geworfenen Videoprojektionen muss sich der Eintretende in der Galerie Jablonka seinen Weg bahnen. Am Ende dieser akustischen und visuellen tour de force wird er sich noch immer in einem Zustand ungläubigen Staunens befinden. Denn die spektakulärste Galerieausstellung dieses Kunstherbstes stammt von Mike Kelley, der sich dem deutschen Publikum von einer völlig neuen Seite zeigt.

Für Überraschung sorgte bereits der Beitrag des US-Amerikaners bei den Skulpturen-Projekten Münster, für die er einen Streichelzoo in einem Zirkuszelt eingerichtet hatte. Im Mittelpunkt stand als Leckstein für die Kühe, Ponys und anderen Tiere eine weibliche Salzfigur in Anlehnung an Lots Weib. Das war einerseits der Kelley, wie man ihn kennt, mit subtilen Anspielungen auf unterdrückte Ängste, eine verquere Sexualität, inszeniert mit Versatzstücken der Kindheit. Und doch war da bereits jene Opulenz, die sich nun in Berlin endgültig Bahn gebrochen hat. Schon in Münster okkupierte Kelleys Beitrag mit einem veritablen Zelt, ganzen Stallungen und Hühnerdisco mit echter Glitzerkugel einen kompletten Hinterhof. Bei Kritik und Publikum avancierte das Stück sofort zum meistbeachteten Werk. Diese Aufmerksamkeit ist Kelley nun abermals gewiss.

Galt er in Europa seit Mitte der Achtziger als Spezialist für die dunkle Seite der amerikanischen Kultur, so fühlt sich der 54-Jährige mittlerweile mehr zum Glamour hingezogen. Damals hielt er noch auf Flohmärkten nach abgeliebten Stofftieren Ausschau, die er in seinen Installationen mal zu Kugeln, mal zu Strängen verknotete und dadurch Knäuel verborgener Emotionen schuf. Das reichte bis hin zur immer wieder geäußerten Vermutung, dass der Künstler selbst als Kind Missbrauchsopfer geworden sei. Kelley – das war das Gegenprogramm zu einer glatten, sauberen Ästhetik, die er selbst als Student von Konzeptkünstlern eingetrichtert bekam. Kelley – das war zugleich das Synonym für trashige Kunst „made in L. A.“, die sich in manischen Assemblagen wie etwa auch bei Paul McCarthy und Jason Rhoades durch den Zivilisationsmüll wühlt.

Auf die besondere europäische Rezeption seines Werks angesprochen bei den Vorbereitungen für die Berliner Schau, bricht der Bildhauer in ein meckerndes Gelächter aus: „They wanted american garbage!“ Und das bekamen die Europäer von ihm perfekt geboten. Ja, vielleicht war es auch die Freudianische Lesart seiner Spielzeug-Arrangements, auf die man sich eher in der Alten Welt versteht. Der Künstler stimmt dem zu. Doch mit „Kandors“, so der Ausstellungstitel in der Galerie Jablonka, ist Kelley auf einem völlig anderen Stern angelangt. Und das ist wörtlich zu verstehen. Kandor heißt die Hauptstadt von Supermans Heimatplaneten Krypton, die nach einer Explosion als Einziges erhalten blieb und nun vom Superhelden in verkleinerter Form unter einer Glasglocke gehütet wird. Kelley ist sich treu geblieben: Wieder geht es um Kindheitsrelikte, wieder dient ihm ein amerikanischer Mythos als Material. Doch diesmal greift er nicht in die Tonne, sondern nach den Sternen.

Dem Ausstellungsbesucher sausen als Erstes esoterische Klänge um die Ohren; der Künstler hat sie selbst eingespielt. Die Versetzung in ein anderes planetarisches System funktioniert; den sirenenhaften Klängen kann sich kaum jemand verschließen. Der höhlenartig abgedunkelte Raum mit seinen farbigen Lichtquellen zieht weiter in die Tiefe hinein. Insgesamt zehn Mal hat Kelley die sagenhafte Hauptstadt Kandor aus der Zweidimensionalität des Comicstrips in ein plastisches Gebilde transferiert. Den Künstler faszinierte, dass ausgerechnet dieser Topos in der Superman-Geschichte keine feste Kodifizierung besitzt. Jedes Mal sieht das Stadtbild ein wenig anders aus, doch zu jeder Version gehören Glassturz, Sockel, Stadtsilhouette und angeschlossene Gasflasche. Kelley spielt nun so virtuos mit diesen Elementen, dass sich der Besucher geradezu verführt von all den Sound- und Lichtzutaten von Station zu Station treiben lässt.

Bei seiner Lecture in der American Academy am Tag nach der Vernissage hatte er noch verkündet, dass er eine „Matissian show“ im Sinn gehabt hätte – entsprechend dem berühmten Wort des großen Malers, Kunst müsse „wie ein guter Lehnstuhl“ sein. Für Kelley-Kenner ist das ein Schlag. Plötzlich spricht der Künstler von „Schönheit“ und dass die Ausstellung keine andere Botschaft besäße als: „Let’s have a nice time!“ Was noch schwerer wiegt: der immense Aufwand. Auf der Vernissage rechnete so mancher schnell noch mal nach: Kosten von mindestens einer Million Dollar; die Galerie spielt damit jedes Museum an die Wand. In der American Academy setzt sich Kelley sofort zur Wehr. Bisher habe ihm das Geld gefehlt, jetzt könne er es sich leisten. Und als stärkstes Argument: „Warum sollte Matthew Barney etwas Besseres zeigen als ich?“

Damit hat der hagere Künstler mit dem grauen Kurzhaarschnitt die Lacher schon wieder auf seiner Seite. Ernst ist der Kosten-Wettlauf ohnehin nicht gemeint, dafür gibt sich „Kandors“ inhaltlich viel zu ambitioniert. Das Bild vom Glassturz, unter dem sich die Krypton-Hauptstadt konserviert befindet, erinnerte ihn an „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath. Bei der amerikanischen Dichterin ist dies eine Metapher für den Zustand der Entfremdung. Kelley führt das poetische Bild wieder zurück in die Anschaulichkeit, indem er bei einer tschechischen Glasbläserei genau solche Glocken produzieren ließ.

Bei Kelley stehen die fragilen Objekte für die zerbrechliche Beziehung zur eigenen Kindheit, die man nur noch schemenhaft wie unter einem gläsernen Sturz erkennt und deren Konturen sich permanent verändern. Tatsächlich hat der frühere Performance-Künstler diese Erfahrung an sich selbst durchexerziert. Unter dem Titel „The educational complex“ rekonstruierte er in einer Ausstellung die von ihm besuchten Schulen im Modell, ließ aber in den Gebäuden all jene Orte weiß, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. In Anspielung auf den ihm angedichteten Kindesmissbrauch bezeichnet er diese Leerstellen kokett als Stätten seines schulischen Missbrauchs, wo ihn Lehrer einst „verführten“.

In der überbordenden „Kandors“-Ausstellung ist diese Leere nun üppig gefüllt mit Farben, Formen, Klängen. „Das entspricht meiner Vorstellung von einem schönen Trip“, erklärt der Künstler zum Abschluss seiner Berliner Lecture versonnen. Der Kunstrausch hat den Trash-Künstler nun zu Matisse geführt.

Galerie Jablonka, Kochstr. 60, bis 24. 11.; Di bis Sa 11-18 Uhr.

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