Kultur : Mikhail Pletnjew: Atemraubende Poesie

Jörg Königsdorf

Wer Klassik spielt, hat mehr vom Leben. Während die Rock- und Pop-Musiker mit fortschreitendem Alter immer angepasster werden, entwickeln sich die Klassiker nämlich genau andersherum. Vom schulmäßigen Konservatorienspiel zu immer größerer Freiheit und Radikalität, im Glücksfall hin zu einem so souveränen Umgang mit der Materie, dass selbst das aberhundertmal Gespielte in jedem Konzert wieder neu zu entstehen scheint. Unter den Pianisten ist (mit Ausnahme seines Landsmannes Valeri Afanassiev) wohl keiner diesen Weg so weit gegangen wie Mikhail Pletnjew, der Ewigsuchende, Fragende auf der Reise zum Mittelpunkt der Musik. Das heißt bei seinem Soloabend im Kammermusiksaal: Interpretation im Extrem, die keinen Takt unberührt lässt und Formen, Strukturen fast gewaltsam in die musikalische Botschaft einzwingt. Zu Beginn Tschaikowskys gemiedene, gefürchtete G-Dur Sonate: Ein Riesenwerk, ein Konzert ohne Orchester, zugleich ein Stück des Scheiterns an der Klassiker-Aufgabe Sonate. Und für Pletnjew eine große Fantasie, in der sich schon im Kopfsatz die blockigen Akkorde des marschmäßigen ersten Themas und das leidenschaftlich aufflackernde schumanneske Seitenthema als Prinzipienkampf zwischen prunkhafter Fassade und Künstlerseele herausstellen. Ein erschöpfender, ins Leere laufender Kampf, bei dem Pletnjew durch dauerndes Innehalten, durch überdeutliche Zäsuren schon von Anfang an den Zielpunkt des rat- und energielos verklingenden Schlusses im Auge hat. Sein fast brutales Offenlegen der schöpferischen Triebkräfte Tschaikowskys fesselt dennoch, gerade weil es der rein pianistischen Panache aus dem Weg geht. Nicht weniger faszinierend nach der Pause Chopins vier Scherzi: Pletnjew spielt sie atemberaubend brillant und zugleich so poetisch wie vielleicht noch keiner vor ihm. Als erzromantische Spukgeschichten zwischen Edgar Alan Poe und E.T.A. Hoffmann, als bizarre Meetings von Pilgern, Kobolden und Rittergestalten, die sich den Teufel um Taktstriche und Metronome scheren. Frei, radikal, großartig.

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