Kultur : Mikrokosmen: Frei schwebend: Plastiken und Papierarbeiten von Hans Schüle

Gyde Cold

Egal ob mit Schablonen gemalt oder aus schwerem Metall gebogen, bei Hans Schüle treiben die Formen schwerelos im Raum. Auf quadratischen Papieren (470 Mark) schimmert mal die blaue Weite des Kosmos, mal die des Meeres. Darin schwimmen phantastische Einzeller und Algen, Schneekristalle wachsen, Strukturen entfalten sich, die ebenso Chromosomstränge wie Nervenzellen sein könnten. Weiß, blau, silber und schwarz erstrahlen die zarten Kreationen. Schüle betreibt eine imaginierte naturwissenschaftliche Forschung: Wie eine in den Tiefen der Weltmeere aufgefundene neue Spezies bannen seine Kreaturen den Blick in eine andere Welt.

Den Arbeiten des 1964 geborenen Schüle ist anzusehen, dass er als Grafiker im Umgang mit Stift, Lineal, Farbe und Material Präzision erwarb, bevor er Malerei in München studierte. Während seines Gaststudiums der Bildhauerei an der HDK Berlin entdeckte er die Qualität von Metall für seine Arbeit. Auch die drei Plastiken aus Messing und Kupfer (26 000-30 000 Mark) in der Ausstellung gleichen der Funktionseinheit einer Zelle. Aus großformatigen Blechen geschraubt oder genietet, stehen die raumgreifenden Arbeiten "Pilot" und "Membrane" optisch und funktional auf einer Ebene mit Maschinen der industriellen Produktion. In "Soul", einem in sich verschlungenen Band, löst sich das mechanistische Weltbild zu Gunsten der Herrschaft des Chaos auf.

Die handwerklich gekonnte Herstellung der Skulpturen entspricht dem Konzept der Galerie SPHN. Sie setzt jenseits schnelllebiger Kunsttrends auf Malerei, Fotografie und Skulptur, die die Wahrnehmung durch konzeptionelle Tiefe reizen möchte. Nahezu anachronistisch scheint dann auch die Herstellung von Schüles Plastiken zu sein: Er verzichtet auf das Schweißen von Nähten und nietet stattdessen die Einzelteile nach alter Prozedur zusammen, indem er Zwischenringe zur Verstärkung einfügt und jede Lasche des ausfransenden Randes einzeln fixiert. Ein urzeitliches Verfahren, übertragen auf biologische Lebensformen, die erst mit Hilfe moderner Technik sichtbar werden - die aber schon seit Ewigkeiten existieren und die menschliche Kreatur durchaus überdauern können.

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