Kultur : Milch, Wolle, Joghurt

FORUM „37 Uses For A Dead Sheep“

Gregor Dotzauer

Das 20. Jahrhundert war für sie eine einzige Odyssee, und im 21. Jahrhundert droht ihnen der Untergang: Die Pamirkirgisen sind ein Nomadenvolk zwischen vielen Ländern und Zeiten, aber auch wenn von ihrer vielhundertjährigen Tradition nur Ben Hopkins’ Film „37 Uses For A Dead Sheep“ bleiben sollte, könnten sich die 2000 Angehörigen trösten: Wir waren wehrhaft, bis unsere jungen Leute sich in die Städte verirrten.

Die Dokumentation des 1969 in Hongkong geborenen Engländers ist eine temporeiche Patchwork-Hommage an eine zentralasiatische Kultur, die ihre letzte Zuflucht im türkischen Exil gesucht hat. Ihr wechselndes Zuhause in Asien, wo ihr erst Stalin, dann Mao und schließlich ein von den Sowjets kontrolliertes Afghanistan den Garaus machen wollte, ist zerstört. Nur ein paar Versprengte harren aus am Hindukusch.

Auf drei, auch durch digitales, 16-Millimeter und Super 8-Material, unterschiedenen Ebenen lässt sich Hopkins auf die Pamirkirgisen ein: als Interviewer, der zusammen mit einem Dorfalten drei Dutzend nutzbringende Verwendungen von Schafen auflistet oder junge Leute zu ihren Jobs nach Istanbul begleitet; als ironischer Rekonstrukteur, der historische Wendepunkte wie eine Massenmigration mit übertrieben heroischer Geste, 45 Pferden und 250 Menschen nachstellt; schließlich als Beobachter einer rapide dahinschwindenden Dorfgegenwart.

Ben Hopkins tut das in kleinen, durch Zwischentitel getrennten Kapiteln mit einer humorvollen Genauigkeit, die nur in Zusammenarbeit mit den Pamirkirgisen entstehen konnte: Sein Gewährsmann ist der Dorfvorsteher Ekber Kutlu, ein Sohn des letzten großen Nomadenführers. Die Begegnung mit ihm und seinen Leuten war für Hopkins aber auch der Anlass, sich der kolonialistischen Aspekte bei der ethnografischen Aneignung der fremden Geschichte bewusst zu werden. So ist seine Perspektive auf die Pamirkirgisen gebrochen durch den Blick in den eigenen Spiegel: darauf, welche Materialschlacht entbrennt, wenn selbst ein so kleines Team wie das seine einfällt in eine von außen bisher nur wenig erschlossene Welt.

Heute, 18.15 Uhr (Cinemaxx 3), 18. 2., 15 Uhr (Arsenal), 19. 2., 16.30 Uhr (Delphi)

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