Kultur : Milchmädchenreport

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Peter Laudenbach wundert sich

über die PDS

Sah es nach dem letzten Parteitag der PDS so aus, als hätte sich die Partei nun endgültig von der bundesrepublikanischen Wirklichkeit verabschiedet, boten Dieter Dehm und Sarah Wagenknecht am vergangenen Freitag im Berliner Ensemble Lebenshilfe der etwas anderen Art: Die beiden PDS-Parteivorstandsmitglieder sorgten sich im „Pavillon“ des BE rührend um die Kleinanleger, deren Aktienträume geplatzt sind. Nicht im Antikapitalismus, sondern im behutsamen Nachhilfeunterricht in den Gesetzen der Marktwirtschaft sahen sie an diesem Abend ihre vornehmste Aufgabe.

„Natürlich kann man mit Aktien auch Gewinn machen“, wusste Sarah Wagenknecht zu berichten. „Wer jetzt, vor dem Krieg der USA gegen den Irak, Rüstungsaktien und Papiere amerikanischer Ölgesellschaften kauft, kann mit einer sicheren Rendite rechnen.“ Auf die Frage der Literaturwissenschaftlerin Sabine Kebir, wie man selbst bei fallenden Aktienkursen Spekulationsgewinne einstreichen könne, gab Frau Wagenknecht eine kurze Einführung in die Freuden, die Put- und Call-Optionsscheine dem Anleger bieten. Die Frau könnte jederzeit in einer der vielen Börsen-Fernsehsendungen auftreten. Und wie in jedem anderen Börsentalk, sei es an der Volkshochschule, sei es auf n-tv, gab es auch hier einen Zuschauer, der die unvermeidliche Frage stellte, ob André Kostolany mit seinem Tipp, Aktien zu kaufen und Schlaftabletten zu nehmen, nun Recht habe oder nicht.

Anlass des Börsengesprächs war das Gastspiel eines Theaterstücks mit dem aparten Titel „Milchmädchenreport“. Dieter Dehm, ein Mann vieler Talente, hat es geschrieben. Wer sich an Dehms Liederzeilen erinnert, die in den achtziger Jahren die Demonstration der Friedensbewegung musikalisch kontaminierten („Weiches Wasser bricht den Stein…“) ahnt: Hier geht es nicht unbedingt um Kunst, hier geht es um angewandte Sozialpädagogik, um spielerische Wissensvermittlung. Also eigentlich genau das, was seit einem Jahrzehnt moderne Großkonzerne bei Mitarbeiterschulungen und Motivationsseminaren als Psycho-Technik einsetzen. Und weil es nicht um Kunst ging, störte es nicht weiter, dass die Schauspieler an der Peinlichkeitsgrenze zum Amateurtheater agierten.

Im Gegenteil: Je massiver unfreiwillige Komik das Spiel durchzog, desto deutlicher wurde die Botschaft. Weil man immerhin im Berliner Ensemble war, konnte Dieter Dehm die hilflose Aufführung für einen „Verfremdungseffekt“ halten und sich bei der anschließenden Diskussion ausgiebig mit Brecht vergleichen. Falsche Bescheidenheit war noch nie ein Problem dieses Multifunktionskünstlers.

Dehms „Milchmädchenreport“ handelt von Sextourismus („Sie liebt mich, sie leckt meine Fußsohlen“), vom Showbusiness, vom Hass auf Joschka Fischer, von Altherrensexismus („Es gibt schon Männer, die auf ausgeleierte Schamlippen stehen“) und, logisch, von Börsenspekulationen. Egal wer spricht, immer hat man das Gefühl, Dieter Dehm persönlich zuzuhören. Vielleicht ist das Werk („Porno ist so was wie Brecht“) Dehms Versuch, den Erfolg von Dieter Bohlens Memoiren auf seine Wese zu imitieren?

Das wäre unappetitlich, aber auch ein Indiz dafür, dass die PDS sich energisch bemüht, in der bundesrepublikanischen Normalität anzukommen. Kryptisch, oder dialektisch raffiniert, waren die Solidaritätsbekundungen, die Dehm in der Diskussion nicht nur den Zapatisten in Mexiko widmete, sondern auch denen, die „in Korea kämpfen“. Meinte er den Drittwelt-Kapitalismus Südkoreas oder die feudalkommunistische Diktatur in Nordkorea? Oder wollte er es Stalinismus-Nostalgikern wie Aktienbesitzern im Publikum gleichermaßen recht machen? Die PDS bleibt rätselhaft.

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