Kultur : Milder Westen

Uraufführung an der Staatsoper Unter den Linden: Hans Zenders Indianer-Oper „Chief Joseph“

Christine Lemke-Matwey

Ach, Winnetou. Wie haben wir es geliebt, wenn Pierre Brice und Lex Barker im Fernsehen der Siebzigerjahre auf balkanischen Anhöhen auftauchten, hoch zu Ross, mit der rechten Hand am Herz, Zeige- und Mittelfinger gestreckt! Welch grandiose Erhabenheit schenkte uns in solchen Momenten die Musik, ihr Weltweiten umspannender Atem, Streicher im Autobahnformat!

Nun hatte schon Karl May von den echten Indianern so ziemlich gar keine Ahnung. Und Hans Zender, der Komponist, der sich in seiner Indianer-Oper „Chief Joseph“ erstmals als sein eigener Librettist betätigt, weiß so ziemlich alles über den Stamm der Nez Percé und deren Häuptling Hin-mah-too-yah-lat-kekht (= der Donner, der über die Berge rollt = Chief Joseph), welcher 1879 vor dem amerikanischen Kongress in Washington eine legendäre Rede wider die Unterdrückung seines Volkes hielt. Trotzdem: So recht warm wird man während dieser zweistündigen Uraufführung an der Berliner Staatsoper nicht mit der Vorstellung, dass der Indianer als solcher in prächtigstem Federschmuck (Kostüme: Bernd Skodzig) eine der Guckkastenbühnen des Alten Europas betritt, tief Luft holt, den Mund weit aufmacht – und Neue Musik produziert.

Überhaupt: Was interessieren auf der heutigen Opernbühne Themen wie Umweltverschmutzung, Profitstreben, Krieg und Völkermord? Was interessieren sie jenseits der Tatsache, dass sie immer zu interessieren haben, nur vielleicht nicht gerade in gesungenem, gespieltem und erkünsteltem Zustand? Was soll uns Bewohnern des Jahres 2005, huch, die Wirklichkeit des Wilden Westens, was die Vertreibung, Deportation und Ausrottung der nordamerikanischen Indianer durch die Weißen, durch Siedler, Händler, Goldgräber und Trapper Mitte des 19. Jahrhunderts – außer dass derlei Scheußlichkeiten irgendwo auf der Welt immer und zu jeder Zeit zu finden sind?

Hans Zender ist viel zu klug und viel zu skrupulös, um mit seinem Stück Fragen wie diese konkret zu kommentieren. Einerseits. Andererseits kommt das Ganze über eine intelligente, komplexe Versuchsanordnung aus dem postmodernen Musiktheater-Labor kaum hinaus: Was passiert, so die Arbeitshypothese, wenn man zwei entfremdete Zivilisationen miteinander konfrontiert, die Zeitebenen verschränkt und ein gerüttelt Maß Weltliteratur (Pessoa, Brecht, Machaut, Goethe) beimixt? Antwort: wenig. Die Indianer bleiben die Guten, die Weißen die Bösen, Poesie kommt immer gut, und Notenpapier ist von Natur aus geduldig.

Nun stehen in Zenders Libretto allerdings Sätze, die einem in ihrer heiligen Einfalt und ihrem Betroffenheitsgestus die Haare sträuben. „Wir Indianer denken mit unseren Herzen“ zum Beispiel, oder „Wir werden alle gleich sein. Dann wird es keine Kriege geben“ (das Stück findet allerdings in englischer Sprache statt). Der authentische Chief Joseph mag 1879 so gesprochen haben. Dass er bei Zender genauso singen darf und die Komposition nicht den kleinsten Versuch einer Distanzierung unternimmt, sondern sich bei Rothäuten wie Weißen auf das „beiderseitige Gefangensein in einem einseitigen Weltbild“ (Zender) zurückzieht, wäre skandalös – wenn es nicht so entsetzlich politically correct und langweilig zuginge.

Stammen die Themen aus den Achtzigerjahren, so wurzelt die Musik mehr in den Sechzigern. Allerlei polyrhythmisch Ausgetüfteltes kuschelt sich da ins Ohr, hier ein bisschen Swing, dort ein paar illustrative Kojotenrufe, da etwas vom Zuspielband, der Chor im Off, martialisches Sirenengeheul, echte Walkie-Talkies. Besonders archaisch oder exotisch aber werden die Klanggefühle, wenn das Ajeng erklingt, ein traditionelles koreanisches (!) Saiteninstrument, das mal näselnde, mal kratzende Töne produziert. Mit einer gewissen Leichtigkeit, mit viel Transparenz ist diese Partitur begabt, sie collagiert gern und das bisweilen wirklich apart. Und wenn sich das Apokalyptische so zwischen tiefem Blech und hohem Holz aufspreizt, dann kann es sogar ungemütlich werden. Aber eine Haltung zum Geschehen nimmt sie nicht ein, und was sie sein will, verrät sie uns bis zum Ende nicht: ein pazifistisches Pamphlet? Eine „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“-Kantate? Mit „musikalischem Theater“ jedenfalls, wie der Untertitel sagt, hat dieses Stück so viel zu tun wie Uschi Glas alias Nscho-tschi mit den Apachen – wofür Hans Zender dann doch einige kräftige Buhs einstecken muss.

Peter Mussbach, der Regisseur, hat sich von seinem Künstler-Bühnenbildner Jimmie Durham eine Baustelle bauen lassen, Gerüste, Planen, eine Drehtür, eine Schuttmulde. Fast sieht es hier so aus wie bei Christoph Schlingensiefs „Parsifal“ in Bayreuth. Die Beliebigkeit der Aktionen jedenfalls lässt grüßen, wenngleich das Esoterische wie das ins Chaotische sich steigernde Nebeneinander Mussbachs Sache definitiv nicht ist. Er tut einmal mehr ein bisschen so als ob. Johannes Kalitzke am Pult der Staatskapelle ficht das nicht an, er waltet hoch engagiert seines Amtes, ebenso die Sänger: Alfredo Daza, Meik Schwalm und Wolfgang Newerla als Chief Joseph I–III, Nicholas Isherwood als General Howard und Florian Hoffmann als Tourist.

Was bleibt? Vielleicht Jimmie Durhams indianische Skulpturen im Programmheft. An einer Art Tomahawk, der einen Revolver spaltet, klebt ein kleiner Zettel: „I forgot what I was going to say.“

Wieder am 26. Juni, 1. und 3. Juli

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