Kultur : Mildes Leuchten Malediva in der Berliner

Bar jeder Vernunft

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Zufriedenheit ist ein gefährliches Gut für Chansonsänger. Wovon soll man erzählen, wenn man mit sich und der Welt im Reinen ist? Woher die Energie für die großen Gefühle nehmen, wenn nichts nach außen drängt, weder Empörung noch Leidenschaft? Die Malediven, seit drei Jahren Deutschlands erfolgreichstes Chansonduo, sind zufrieden, man hört es „Malediva leuchtet“, ihrem dritten großen Programm in der Bar jeder Vernunft, deutlich an: Es leuchtet tatsächlich recht friedlich aus den Liedern heraus, und selbst die zickigen Dialog-Conferencen, in denen sich das Pärchen früher gerne mal Salz in die Gemütswunden streute, haben den Ton liebevoll routinierter Streicheleinheiten angenommen. Die androgyne Travestie, mit der das Duo früher das Publikum irriterte, ist auf ein Mindestmaß zurückgenommen und einem „Nette Jungs von Nebenan"-Charme gewichen: Tetta mit schwarzem Anzug und artig gescheiteltem Blondhaar und Lo mit knappen T-Shirts wirken wie von einer Studenten-Kabarettgruppe weggecastet, das Changieren der schlanken Malediven-Stimmen zwischen den Registern klingt fast wie ein Nachklang einer eben erst überwundenen Pubertät.

Und doch zeigt gerade dieses Zurücknehmen der spektakulären Außenreize, wie souverän das Duo mittlerweile die Form des Chansonabends beherrscht. So sehr, dass sie sich ihrer Zufriedenheit ganz offen stellen können und nicht versuchen müssen, ihren Liedern durch verkrampfte Politisierungen Bedeutungsschwere zu leihen. Denn für sie gibt es auch so noch genug zu singen: Witziges, Versponnenes und natürlich bei allem entspannten Frohsinn auch leise Nachdenkliches. Schließlich ist der Ruhezustand der Zufriedenheit nur ein augenblicklicher. Sachte tippen sie schlummernde Gefühle an, wie um sich immer wieder dieses Gleichgewichtszustandes zu versichern: „Glück kann man nicht behalten, Glück kann man nur gewissenhaft verwalten“, singen sie mit feiner, durchaus selbstironischer Poesie.

Die Malediven geben sich ungezwungen, reihen Ausflüge ins dezent Kalauerige und Lieder von skurriler Fantasie (“Meine Mutter hat Hitler geküsst“) mit lockerer Selbstverständlichkeit aneinander, finden eine geschmackssichere Balance zwischen Sentiment und Ironie, die selbst solche Schlagerindex-gefährdeten Textzeilen wie „Für dich liegt im Sommer der Schnee" und „Auf den Autobahnen Deines Herzens zahlt man Maut“ auffängt.

Und wer am Ende nicht auch ein Stück zufriedener ist, dem ist wohl wirklich nicht zu helfen. Jörg Königsdorf

Bis zum 16. Oktober.

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