Kultur : Militärische Verteidigung: 25 Liegestütz auf nur einer Hand

Malte Lehming

Achtundsechzig! Das ist jenseits der Pensionsgrenze, das ist das Doppelte eines aktiven Sportlerlebens. Ein fortgeschrittenes Alter also. Eine Zeit, sich zurückzuziehen, kürzer zu treten und den mühsam aufgebauten Wohlstand endlich zu genießen. Doch Donald H. Rumsfeld, Amerikas alt-neuer Verteidigungsminister, macht das Gegenteil. Er will es noch einmal wissen und zieht zum zweiten Mal als Chef in das berühmteste Fünfeck der Welt ein, das Pentagon. Dort laufen täglich 23 000 Menschen durch 17,5 Meilen Korridor. Insgesamt herrscht Rumsfeld sogar über 1,4 Millionen Menschen - so viele sind in der US-Armee beschäftigt - und verwaltet einen Etat von mehr als 300 Milliarden Dollar. Warum nur? Ist es Unrast, Leidenschaft, Ehrgeiz, Verantwortungsgefühl?

Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus alledem plus einer gehörigen Portion überschüssiger Energie. Rumsfeld hat immer hart gearbeitet und war seiner Zeit immer ein bisschen voraus. Er ist ein Frühstarter, ein erzkonservativer Visionär. Und er braucht die Herausforderung. Mit 30 Jahren Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus, mit 41 Jahren US-Botschafter bei der Nato in Brüssel, mit 43 Jahren der jüngste Verteidigungsminister in der amerikanischen Geschichte: Das allein spricht Bände.

Was für eine Zeit war das damals! Watergate und der Vietnam-Krieg waren gerade überstanden, die Moral der Soldaten am Boden, das Ansehen des Militärs bei Null - auch wegen diverser Drogenskandale. Doch Rumsfeld, auch "DR" und "Rummy" genannt, schaffte es trotz seiner Jugend, der Truppe Halt zu geben. Präsident Gerald Ford war beeindruckt von seinem Organisationstalent und seiner Durchsetzungsfähigkeit, vor Rekruten legte der ehemalige Ringkämpfer 25 einhändige Liegestütze hin.

Vor allem politisch jedoch entwickelte sich Rumsfeld in seiner ersten Amtszeit unter Ford zu einem absoluten Schwergewicht. Er gilt als Meister in der Fähigkeit, seine Gegner auszuschalten. Das bekam als einer der ersten der damalige Außenminister Henry Kissinger zu spüren. Kissinger war im Januar 1976 in Moskau, um Einzelheiten des Abrüstungsvertrages SALT II auszuhandeln. Rumsfeld passte das nicht. Er vertrat einen härteren Kurs gegenüber den Sowjets, scheute aber den Konflikt mit der eigenen Regierung. In einer Blitzaktion ließ er deshalb den Nationalen Sicherheitsrat zusammenkommen, der nach knapp zweistündiger Beratung öffentlich erklärte: Das Pentagon ist gegen weitere Abrüstungsgespräche. Ford tobte vor Wut, Kissinger musste düpiert zurückreisen, und Rumsfeld triumphierte, ohne selbst an der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates teilgenommen zu haben. Ein Lehrstück in Sachen "power-play".

Millionär im Unruhestand

Sein Millionenvermögen hat Rumsfeld in der Wirtschaft verdient. Er hätte sich zur Ruhe setzen können. Die erste Wahl von George W. Bush war er eigentlich nicht. Sogar Vizepräsident Dick Cheney und Außenminister Colin Powell - beide hatten ihre Karrieren unter Rumsfeld begonnen - bevorzugten ursprünglich andere Kandidaten. Jetzt ist er dennoch wieder im Amt und wird vielen das Leben schwer machen. Denn mehr als einmal hat Rumsfeld in der Vergangenheit unorthodoxe Ansichten offensiv vertreten und die Entscheidungsträger dadurch in Bedrängnis gebracht. Schon 1993 etwa befürwortete er US-Lufteinsätze gegen die bosnischen Serben. Das Pentagon war strikt dagegen, Bill Clinton konnte sich erst zwei Jahre später dazu durchringen. Friedenserhaltende Maßnahmen wiederum lehnt Rumsfeld sogar noch vehementer ab als Bush. Das letzte Wort zum Kosovo ist sicher nicht gesprochen.

Am lautesten treibt Rumsfeld den Aufbau eines Raketenabwehrschirmes (NMD) voran. Energisch befürwortet er die Schaffung einer US-Weltraum-Armee, die die eigenen Satelliten schützt und die gegnerischen außer Gefecht setzen kann.

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