Kultur : Milliarden-Krise der Bahn: "Die Regierung muss weitere Mittel zur Verfügung stellen"

Wie bewerten Sie die Ankündigung von Verkehrs

Norbert Hansen (48) ist Chef der Eisenbahnergewerkschaft Transnet und sitzt im Aufsichtsrat der Bahn.

Wie bewerten Sie die Ankündigung von Verkehrsminister Klimmt, den für 2004 geplanten Börsengang der Bahn wegen des Milliardenlochs zu verschieben?

Wir haben von Anfang an gesagt, dass es illusorisch ist zu glauben, dass die Bahn bis 2004 unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein florierendes Unternehmen wird. Man wird über 2004 hinaus noch mehrere Jahre brauchen, um überhaupt eigenwirtschaftlich ohne besondere Zuwendungen arbeiten zu können.

Und was bedeuten die jetzt bekannt gewordenen Finanzprobleme der Bahn für die Beschäftigten? Drohen weitere Stellenstreichungen?

Nein, dafür sehe ich keine Möglichkeiten. Das Problem ist nicht auf Seite der Personalkosten zu suchen und lässt sich auch nicht durch einen weiteren Abbau lösen.

Sondern?

Es ist ein Versäumnis der grundsätzlichen Weichenstellungen der Verkehrspolitik. Vor allem die Mittelkürzungen durch die Kohl-Regierung sind für die heutigen Probleme verantwortlich. Und es ist ein Versäumnis von früheren Vorständen der Bahn AG, die Investitionsentscheidungen nicht im Sinne einer Bestandserhaltung getroffen haben, sondern das Geld für große Prestigeobjekte ausgegeben haben. Jetzt muss die Bundesregierung weitere Investitionsmittel für die Modernisierung zur Verfügung stellen. Und davon hängen dann natürlich doch viele Arbeitsplätze ab.

Sie sprechen von neuen Investitionen. Bahnchef Hartmut Mehdorn hingegen hat angedeutet, dass man angesichts der Krise eben auch über weitere Stellenstreichungen und Streckenstilllegungen nachdenken müsse.

Das ist für den Fall denkbar, dass es keine weitere finanzielle Unterstützung durch die Bundesregierung gibt. Sollte es keine zusätzlichen Mittel für den nötigen Ausbau geben, dann bleibt in der Tat nur die Reduktion.

Welche Folgen hat die aktuelle Krise für die Kunden der Bahn?

Wenn die Investitionszuschüsse nicht aufgestockt werden, dann wird der Bahnvorstand seine Ankündigung weiterverfolgen, das Angebot zu reduzieren. Es würden dann Züge besonders im Fernverkehr gestrichen werden müssen. Auch der Nahbereichsverkehr müsste weiter reduziert werden. Die Bahn würde sich weiter aus dem Güterverkehr zurückziehen. Und wenn die Transportanteile der Schiene weiter abgezogen werden, dann gefährdet das in letzter Konsequenz die Substanz des Unternehmens.

Was bedeutet das?

Es gibt eine Abwärtsspirale, die möglicherweise hinausläuft auf eine High-Speed-Bahn, die profitabel bleibt. Das ist aber dann keine Bahn für die Bürger mehr.

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