Kultur : Million Dollar Drum

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

einen Geheimniskrämer und TopAgenten

Er könnte Geschichten erzählen, die top secret sind. Zum Beispiel, dass er mit Brian Eno und Bill Frisell und einem Haufen weiterer obskurer Egotypen in ein kleines Studio gesteckt wurde, um stundenlang zu jammen. Eine kleine Ewigkeit später wusste angeblich keiner mehr, was eigentlich genau geschehen war. Nur dass Hal Wilner, der Mann, der sie alle zusammentelefoniert hatte, gerade seinen nächsten Soundtrack aufgenommen hatte. Und plötzlich gehörten sie zur Million Dollar Hotel Band für den gleichnamigen Wim-Wenders-Film.

Im Unterschied zu einer richtigen Band jedoch, wird das musikalische Produkt einer solch exklusiven Zusammenkunft prominenter Einzelgänger erst durch Overdubs und andere Tricks so richtig schön. Zum Beispiel, wenn der Pianist Brad Mehldau dazu gemischt wird. Jemand wie Brian Blade kann mit solchen Produktionsweisen gut umgehen. Auch wenn zumindest im Jazz für gewöhnlich andere Regeln herrschen. Da wird auf die physische und visuelle Nähe gesetzt, am besten alle in einem Raum und auf einer Bühnenebene, gerade auch das Schlagzeug, damit das Timing stimmt. Bis vor zwei, drei Jahren vermutete man Blade gar nicht im Jazz, obwohl er in Louisiana aufwuchs, in New Orleans von Ellis Marsalis lernte und mit Pat Metheny tourte.

Wenn die Gitarre nur nicht wäre

Denn dass er auf der Bob Dylan CD „Time Out Of Mind“ spielte, mit Burt Bacharach aufnahm und schließlich Schlagzeuger in Joni Mitchells CD- und Tourband wurde, das – so ließe sich vermuten – reicht weiter, als der Jazz je greifen wird.

Doch eine Sache ist da, die sogar das noch in den Schatten zu stellen vermag: Brian Blade ist der Schlagzeuger in der besten Live-Band des vergangenen Jazzjahres - im Quartett des Saxofonisten Wayne Shorter. Auch über die seit Jahren andauernden Versuche Shorters, ein neues Studioalbum auf den Weg zu bringen, könnte Blade Dinge erzählen, die nicht weniger geheimnisvoll sind – und bleiben sollen.

Blade gehört zu den Auserwählten, egal ob er nun immer nur an Jazz denkt oder nicht. Nebenbei hat der Schlagzeuger auch eine eigene Band, die zwei CDs bei einer mittlerweile wieder sehr bedeutenden Plattenfirma veröffentlich hat. „Fellowship“ nennt er sein Septett, damit will er deutlich machen, dass ihm der gemeinsame Sound wichtiger ist als die üblichen Selbstdarstellungsmuster in Form nicht enden wollender Soli. Das gelang ihm auf der Blue Note-CD „Perceptual“ noch nicht durchgängig, Blades Hang zur Gitarre war noch zu ausgeprägt, als dass er ihn hätte zügeln können. Er gibt zu, dass er zum Komponieren das Gefühl brauche, dass ein physischer, ein akustischer Druck auf ihn ausgeübt werde – deshalb immer auch eine Gitarre im Gepäck habe.

Dass Blade darauf besteht, Botschaften zu vermitteln, mag von Dylan und Mitchell inspiriert sein. Und doch ist er nicht die einzige Stimme unter den jungen Jazzmusikern der Post-Marsalis-Generation, die sich über die mögliche Wirkung ihrer Kunst wieder Gedanken machen. Blade hätte auch gern, dass die Menschen selbst bei reinen Instrumentaltiteln noch in der Lage sind, die gesellschaftskritische Nachricht zu erkennen. Jetzt ist Brian Blade im Trio mit dem Gitarristen Wolfgang Muthspiel und Marc Johnson, Bass, unterwegs. Am Mittwoch im Quasimodo um 22 Uhr.

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