Milo Raus „Five Easy Pieces“ beim Theatertreffen : Dutroux und die Kinder

Schmerzgrenzenüberschreitend emotional, aber zu klug für Rührseligkeit: Milo Raus „Five Easy Pieces“ über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux.

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Die Kinderdarsteller aus "Five Easy Pieces".
Die Kinderdarsteller aus "Five Easy Pieces".Foto: Phile Deprez

Um großartigen Schauspielnachwuchs musste sich die Theaterbranche eigentlich noch nie Gedanken machen. Gleich sieben Jungschauspieler empfehlen sich allein in Milo Raus Produktion „Five Easy Pieces“ wärmstens. Und zwar Akteure, die das Prädikat „jung“ ausnahmsweise wirklich mal übererfüllen: Sie sind zwischen acht und 14 Jahre alt und hebeln so gut wie alles aus, was wir schon immer über Kinder, Repräsentation und emotionale Ausnahmezustände auf der Bühne zu wissen glaubten.

Denn Rau wagt in seiner Zusammenarbeit mit dem Genter Art Center Campo – einer Branchen-Institution, die auf professionelles Theater mit Kindern für Erwachsene spezialisiert ist – etwas, was im ersten Moment buchstäblich unmöglich klingt und was sich außer dem luziden theatralen Grenzüberschreiter Rau vermutlich auch wirklich niemand getraut hätte: Er inszeniert mit den Kindern einen Abend über den belgischen Kindermörder Marc Dutroux.

In einer rahmenden Castingsituation spielen die Acht- bis 14-Jährigen ermittelnde Polizisten, Eltern von Entführungsopfern oder, in einer einzigen Situation, ein entführtes Kind. Und erweisen sich dabei – in mehrerlei Hinsicht – als höchst emanzipierte Profis.

3sat-Preis für Milo Rau

Der einzige erwachsene Live-Darsteller des Abends, Peter Seynaeve, nimmt bei alledem als Spielleiter eine bewusst ambivalente Rolle ein. Er ist die Projektionsfläche für Erwachsenen-Autorität schlechthin – und damit natürlich auch für deren prinzipielle Missbrauchsmöglichkeit. So zettelt der Abend ein höchst komplexes Spiel um Repräsentation, Voyeurismus, „Authentizität“ und überhaupt so ziemlich alles an, womit das Theater sich seit jeher beschäftigt.

„Einfach“ sind die „Five Easy Pieces“ garantiert nicht, sondern schmerzgrenzenüberschreitend emotional, aber: zu klug für Rührseligkeit. Zu Recht wurde Milo Rau, der zur Spielzeit 2018/19 die Leitung des belgischen Nationaltheaters Gent übernehmen wird, im Anschluss an die Theatertreffen-Premiere seiner „Five Easy Pieces“ in den Sophiensälen mit dem 3sat-Preis für eine „richtungsweisende, künstlerisch innovative Leistung“ ausgezeichnet.

Noch zwei Vorstellungen am 20. Mai, 17 Uhr, und am 21. Mai, 14.30 Uhr, im Haus der Berliner Festspiele

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