Milos Forman "Die nackte Wahrheit" : Schund und Sühne

HELLMUTH KARASEK

Milos Forman verfilmt das Leben von Larry Flynt VON HELLMUTH KARASEK

So wie es den unfreiwilligen Humor gibt, als dessen Produzent man noch den Schaden zum Spott hat, gibt es auch das unfreiwillige Heldentum.Das Drehbuch-Duo Scott Alexander und Larry Karaszewski hat bereits einen Film über den Weltmeister des unfreiwilligen (Kino)-Humors geschrieben, den B-Picture-Stümper Ed Wood.Jetzt haben sich die beiden auch einen tragischen Helden gegriffen: Larry Flynt, den man als Hiob des Pornogeschäfts bezeichnen könnte, als Michael Kohlhaas des verleumderischen Klatsches der dreckigen Enthüllung. Milos Forman hat den Film gedreht: mit dem Blick des immer noch Fremden in einer nur allzu vertrauten Fremde; angeekelt und fasziniert zugleich; von der Ellenbogenfreiheit, die in den USA grenzenlos ist, von der atemberaubenden moralischen Enge, von der schreienden Geschmacklosigkeit einer von bürgerlichen Traditionen und Schranken freien Kultur.Forman schaut diese Kultur mit der kritischen Bewunderung eines Europäers an; er ist nie blasiert dabei, er weiß, zu welcher Größe sich schlechter Geschmack versteigen kann, wenn man ihn nur läßt. Larry Flynt, Held des Films, verkörpert das alles bis zum Exzess.Er ist das perfekte Produkt der sexuellen Revolution, die Anfang der siebziger Jahre die USA überschwappte und befreite.Er ist deren schamlosester Nutznießer und Ausbeuter.Als damals (eine Folge der 68er Revolution) die Hüllen der Prüderie und Schleier der Heuchelei zerrissen wurden - eine nackte Wahrheit sollte ans Licht kommen - gründete Larry Flynt die Pornozeitschrift "Hustler", in der er Frauen abbildete: nackt, nicht wie Gott sie schuf, sondern nackt, wie sie die geil-verklemmte Männerkundschaft sehen wollte.Mit dem "Hustler" - einer schamlosen Fortsetzung des "Playboy" -, der an Instinkte statt an Gefühle appellierte, wurde Flynt zu einem der reichsten Verleger der USA.Er stieg vom Hinterwäldler aus Kentucky, der kaum lesen und schreiben konnte und zur untersten Trash-Schicht gehörte, zum Multimillionär auf, eine Tellerwäschergeschichte, allerdings eine von ziemlich verschmierten und verdreckten Tellern. Gegen den "Hustler" und seinen schmierigen, auch privat hemmungslosen Verleger stieg im Reagans Amerika die moralische Mehrheit auf die Barrikaden, bis schließlich ein Fanatiker der Sauberkeit den erfolg- und stinkreichen Dreckskerl 1978 zum Rollstuhlkrüppel schoß. Im Rollstuhl sitzt der wirkliche Flynt noch heute, Herrscher über ein Imperium an Pornozeitschriften.Durch einen Musterprozeß, den er bis zum Obersten Gericht trieb, hat er ein Urteil über die schier unbegrenzte Meinungsfreiheit provoziert. Gegen Ende der Achtziger rückte er eine Anzeige im Stil der damaligen Campari-Werbung in den "Hustler".Darin ließ er Jerry Falwell, den erfolgreichen TV-Prediger und Wortführer der moralischen Mehrheit gestehen, er habe sich betrunken und danach sein erstes sexuelles Erlebnis gehabt - mit seiner Mutter.Das löste eine Woge der Entrüstung aus.Der empörte Prediger verklagte Flynt, der zu 200.000 Dollar Schmerzensgeld verurteilt wurde - eine Summe, die Flynt aus der Portokasse hätte bezahlen können.Doch er schaltete auf stur und kämpfte die Sache durch.Das kostete ihn zwar Millionen, brachte ihm aber den Triumph, daß er durch den Prozeßsieg als Garant der Meinungsfreiheit dastand; ein schmutziger Verleumder als strahlend weißer Freiheitsheld. Der Film Formans, ein Meisterwerk der schillernden Wahrheitsfindung, lebt davon, daß einer in der Gosse eine Heldenbahn durchläuft.Er zeigt die Erhabenheit der forensischen Justiz, indem er ihre Lächerlichkeit nicht ausspart.Indem er Flynt (mit hemmungsloser Komik gespielt von Woody Harrelson) kleinlich und rechthaberisch, schrecklich und unerschrocken zeigt, verdeutlicht Forman, daß Menschen komplizierter sind, als es uns die Trennung von Sauber und Schmutzig weismachen will. Das gelingt dem Film vor allem durch die Liebesgeschichte zwischen Flynt und seinem Model Althea, die 1988 nach einem Drogenrausch aidskrank in ihrer Badewanne ertrank.Courtney Love, sie gehörte zu der berühmt-berüchtigten Band "Nirwana" , spielt sie mit einer Hingabe und Energie , die so gut wie sämtliche ästhetischen und moralischen Kategorien außer Kraft setzt: Selbst wenn sich die beiden im Kitsch und Schund ihrer klaustrophobischen Ehehöhle und Ehehölle suhlen, wird man Zeuge einer großen, einer leidenschaftlichen Geschichte - große Gefühle brauchen keinen Geschmackskodex.Schönheit und Wahrheit erblühen auch aus dem Dreck. Milos Formans Film steht in der Tradition von "Elmer Gantry" und "Citizen Kane", er zeigt die alles niedermähende Skrupellosigkeit amerikanischer Heldenkarrieren, die fließenden Grenzen zwischen Verbrechen und Größe, zwischen Schund und Gefühl.Es ist ein kräftiger Film, der zum Nachdenken darüber einlädt, ob man der Realität ein Raster aus Moral und Ästhetik überstülpen soll oder ob man die Wirklichkeit nur nach ihren eigenen Gesetzen, Regeln und Mustern befragen darf.Ein zynischer Film? Eher ein moralischer, wenn auch ein solcher der dritten Art.
15.02.97

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