Kultur : "Milosevic ist unsere Schande"

ULRICH DEUTER

BILJANA SRBLJANOVIC wurde 1970 in Belgrad geboren, wo sie bis heute lebt. 1997 kam ihr erstes Theaterstück, "Belgrader Trilogie", am Jugoslawischen Drama Theater in Belgrad heraus. Das Stück ist ein internationaler Erfolg und wird in Essen und neuerdings auch im Berliner "Stükke-Theater" gespielt. "Familiengeschichten, Belgrad", Srbljanovics zweites Stück, ist in Hamburger Schauspielhaus und demnächst in Schwerin sowie an den Münchner Kammerspielen zu sehen. Auf Einladung von Roberto Ciullis Theater an der Ruhr ist Srbljanovic nun zum Gastspiel der Belgrader Inszenierung ihrer "Trilogie" nach Mülheim gereist. Mit der Schriftstellerin sprach Ulrich Deuter.

Sie sind Anfang Juni aus Belgrad zunächst nach Wien ausgereist. Hatten Sie in der Zwischenzeit Kontakt mit Ihren Angehörigen?

Ja, und sie haben mich beruhigt, daß alles in Ordnung ist: daß die Bomben weit weg fallen. Die letzten Tage aber verbrachte ich in Köln, und da war plötzlich die andere Seite real: Ich konnte allen Ernstes während des EU-Gipfels Gerhard Schröder in seinem Hotelzimmer sehen. Ich hatte Lust zu feiern, weil nun alles vorbei schien. Doch Milosevic kann man nicht trauen. Ich bleibe mißtrauisch. Und die Menschen in Belgrad bleiben es wohl auch.

Die Geschichte zeigt, daß durch Krieg manchmal ein neuer Frieden entsteht. Deutschland mußte diese Lektion lernen.

Ich hoffe, wir müssen jetzt nicht durchmachen, was Deutschland nach dem Krieg durchgemacht hat: seelische Verwahrlosung, Hunger und eine kollektive Bestrafung. Denn die halte ich für falsch. Ich weiß jedoch: Die Serben haben Milosevic gewählt. Damit müssen wir leben. Und jeder muß nun mit sich selbst ausmachen, was er getan oder unterlassen hat. Wir müssen einen Prozeß serbischer Entnazifizierung durchlaufen, als hoffentlich letzte Phase dieses zehnjährigen Krieges in Jugoslawien. Danach wird Frieden sein. Wenigstens in unseren Köpfen.

In Ihrem neuesten, noch nicht aufgeführten Stück "Pad" ("Der Sturz") wird der melancholische Dummkopf Zivco von der Übermutter der Nation zum Staatsführer bestimmt. Heißt das: Milosevic ist nur eine Figur in einem chauvinistischen Projekt, das ihn überleben wird?

Ich verstehe das Stück nicht so aktuell. Dennoch haben Sie recht: Milosevic trägt zwar die Hauptschuld, aber es gibt ein intellektuelles Klima in unserer Gesellschaft, das Menschen wie Milosevic erst möglich macht. Es ist nie nur einer allein.

Serbien schwelgt in einem Geschichtsmythos, der seine Wurzeln vor 600 Jahren hat und in der Vorstellung von einem "Himmlischen Serbentum" gipfelt. In welchem Jahrhundert lebt Serbien eigentlich?

Momentan lebt Serbien gar nicht. Aber ich hoffe, daß es nur eines Tages bedarf, um vom 14. Jahrhundert ins 21. zu springen. Es sind nur ein paar entsprechende Sendungen im Fernsehen nötig. Die derzeitigen Führer Serbiens glauben doch nicht im Ernst ans 14. Jahrhundert und die Schlacht auf dem Amselfeld. Sie glauben an Bankkonten, Kreditkarten und schnelle Autos. Die Menschen in Serbien sind vergiftet durch Propaganda. Wenn eine einzige verlorene Schlacht unser Mythos ist, dann denkt jeder nur an Krieg. Wenn man aber die Demokratie zu unserem Mythos erklärt, wird jeder demokratisch werden. In so abgeschlossenen und relativ ungebildeten Gesellschaften wie der unsrigen sind die Mechanismen einfach.

Sie haben vor dem Krieg einmal gesagt: "Wir leben in einer absurden Gesellschaft, auf eine surrealistische Weise." Wie surreal und absurd ist das Leben im Krieg?

Es wäre eine herrliche Kulisse für einen Film von Buñuel gewesen. Vor dem Krieg haben wir in einem absurden Theaterstück gelebt. Jetzt ist es eine antike Tragödie geworden, und wir nähern uns der Katharsis. Danach werden wir in eine Art Cyber-Theater eintreten. Doch ohne Katharsis wird das nicht passieren. Furcht und Mitleid als die beiden wesentlichen Elemente sind bereits da.

Die Werbeagentur und die unabhängige Zeitschrift, für die Sie tätig waren, sind geschlossen. Haben Sie noch Arbeit?

Ich habe noch einen Job als Dozentin an der Akademie für Dramatische Kunst, aber es gibt keine Klasse mehr. Also: Ich habe Arbeit nur noch auf dem Papier.

Zu Beginn des Krieges wurden Ihre Stücke verboten. Sind sie es immer noch?

Irgendeine Zeitung in Deutschland hat geschrieben, daß sie verboten wurden. Aber das stimmt nicht. Sie wurden abgesetzt, ohne Begründung. Es gibt keine offizielle Theaterzensur, mit Beginn der Bombardements aber hat man das gesamte Repertoire geändert, hin zu Operetten und Comedy. Ich habe nie gefragt, warum meine Stücke vom Spielplan verschwanden. Denn es gibt keinen, den ich fragen könnte.

War es möglich, Gleichgesinnte zu treffen und offen miteinander zu sprechen?

Das war das einzige, was mich davor bewahrt hat, den Verstand zu verlieren. Jeden Tag haben wir zusammengesessen und geredet. Und die Polizei hat zu sehr damit zu tun, Frauen aus dem Kosovo zu vertreiben, als sich mit uns zu beschäftigen. Ich habe nie so viele neue und wunderbare Menschen getroffen wie während dieses Krieges. Wir haben einander geholfen, wo wir konnten. Wir haben verbotene Bücher getauscht, etwa Hannah Arendts "Ursprünge totaler Herrschaft" oder Hermann Brochs "Briefe über Deutschland". Den einen Tag habe ich Broch gelesen, der aus Nazi-Deutschland floh, den andern Tag Heisenberg, der blieb. Ich war immerzu hin- und hergerissen. Aber das hat mich am Leben gehalten.

Gibt es in Belgrad viele Menschen, die so denken wie Sie?

Ja. Ich selbst kenne niemanden, der Milosevic gewählt hat. Aber ich verlasse Belgrad auch nicht. Was die Medien auch schreiben: Ich bin fest überzeugt, daß die Hälfte der Bevölkerung immer gegen ihn war.

Wie steht es mit Ihrer Gefährdung? Sie haben bis zuletzt ein Tagebuch in der italienischen Zeitung "La Repubblica" veröffentlicht, das außerordentlich kritisch ist.

Ich möchte meinem Land zeigen, daß so schnell nichts passiert. Ich hatte ein paar böse Anrufe und aggressive Zeitungskommentare daraufhin. Aber wie Sie sehen, stecke ich nicht im Gefängnis. Ich bin nach Deutschland gereist und werde nach Belgrad zurückkehren.

Wie bringen Sie diesen Mut auf?

Ich glaube, der entsteht aus der surrealen Situation, in der ich lebe. Manchmal denke ich schon, ich bin kugelfest. Wenn man täglich mit Bomben und Polizeiterror auskommen muß, bleibt einem nichts anderes übrig, als vor sich selbst standzuhalten. (lacht) No pasarán! Sie werden nicht durchkommen.

Immerhin ist der oppositionelle Publizist Slavko Curuvija ermordet worden. Haben Sie noch von anderen Opfern gehört?

Nein. Der Mord sollte uns Angst machen, und das hat er getan. Aber danach geschah nichts. Ich glaube nicht, daß mich irgend jemand umbringen will. Das schlimmste, was passieren kann, ist, daß jemand ausflippt und mich schlägt. Mehr aber nicht. Damit kann man leben. Es ist für einen guten Zweck.

Warum gab es nach dem Bosnien-Krieg, nach Srebrenica keine öffentliche Debatte in Jugoslawien?

Es gab sie, allerdings nicht in organisierter Form. Auch während des Krieges haben wir, zum Beispiel im "Zentrum für kulturelle Dekontamination" in Belgrad, öffentlich über das Regime debattiert. Leider waren die internationalen Medien nicht mehr da, um darüber zu berichten. Nach dem gescheiterten Protest im Winter 1996 ist die Hoffnung verlorengegangen, die Dinge auf diese Weise ändern zu können. Als vor etwa einem Jahr die massive Vertreibung im Kosovo begann, gab es deshalb keine Straßenproteste mehr. Aber es gab sie in kleinen Zirkeln. Wir haben eine Gesellschaft unabhängiger Schriftsteller gegründet - warum waren wir in ausländischen Medien nicht präsent? Manchmal denke ich, man wollte von uns auch nichts wissen.

Hat der Westen sich nicht genug um die Opposition in Serbien gekümmert?

Es war nicht Ihre Pflicht, sich um uns zu kümmern. Die deutsche Öffentlichkeit kann sich nicht um alles kümmern. Es ist immer eine persönliche Entscheidung, sich zu kümmern oder nicht. Für mich ebenso. Ich schreibe und setze meinen Namen darunter. Ich möchte auch nicht Stellvertreterin für eine Gruppe sein. Im Prinzip haben Sie recht: Wir haben nie etwas Großes gegen das unternommen, was in Bosnien und dann im Kosovo geschah. Jetzt, während die Bomben fielen, habe ich zum ersten Mal im italienischen Fernsehen den Film der BBC über Srebrenica gesehen. Ich war wie betäubt. Vor allem, weil ich weiß, daß General Mladic sicher in Belgrad lebt. Auch Milosevic ist nun vor dem Haager Tribunal angeklagt. Aber solange er das Land nicht verläßt, wird ihm nichts passieren. Es ist ein bißchen scheinheilig, diese Leute anzuklagen, sie aber dann bei uns zu lassen. Sie sind unsere Schande. Aber auch die der Europäischen Gemeinschaft.

Schwer, sie zu fassen!

Ich wüßte da Wege! Ich habe Leute wie Arkan jeden Tag auf der Straße gesehen. Mir kann man nicht sagen, es sei unmöglich, ihrer habhaft zu werden.

Was sollte nach dem Ende des Krieges als erstes passieren?

Zunächst müssen wir das Land wiederaufbauen. Und ich glaube nicht, daß Bestrafungsaktionen sinnvoll sind. Zumal keine Strafe die Toten aufwiegen kann. Die internationale Gemeinschaft sollte uns helfen, wir brauchen unabhängige Medien und demokratische Strukturen. Natürlich wäre es das beste, Milosevic verlöre die Macht. Momentan sieht es aber nicht so aus, denn er ist nach wie vor der Verhandlungspartner internationaler Gremien - was ich wirklich nicht verstehen kann! Und: Wir brauchen ökonomische Entwicklungshilfe. Sonst geht nichts voran.

Die Internationale Gemeinschaft wird nicht zahlen, solange Milosevic im Amt ist.

Was derart zynisch ist, daß ich meinen Glauben an diese Internationale Gemeinschaft verlieren möchte! Denn die Misere ist ja zum Teil auch die Schuld der Länder, die Milosevic so lange akzeptiert haben. Wenn weder die serbische Opposition noch Nato-Bomben es geschafft haben, ihn zu beseitigen, wie sollen wir in unserem zerstörten Land es nun bewerkstelligen? Ich hoffe, die ablehnende Haltung wird sich ändern, denn sie ist nicht gerecht. Und ich will nicht aufhören, an Gerechtigkeit zu glauben.

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