Kultur : Milzbrand: Der Angst-Bazillus

Malte Lehming

Washington. Nervös sind vor allem die Postboten. Denn alle Milzbrandfälle in den USA wurden durch Briefe verursacht. Briefe müssen ausgetragen werden. Und die Spuren des Erregers könnten sich ja auch auf dem Umschlag befinden. Was also tun? Handschuhe? Selbst die scheinen keinen Schutz zu bieten: In New York wurden bei Mitarbeitern eines Labors, in dem zwei der Briefe getestet worden waren, Milzbrandsporen nachgewiesen. Die Mediziner hatten Plastik-Handschuhe und Gesichtsmasken getragen. Der Chef des Labors ist ratlos. Vielleicht seien die Handschuhe undicht gewesen, sagt er. Beruhigend klang das nicht.

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Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Wirklich beruhigend sind auch die Fakten nicht. Zwar steigt fast täglich die Zahl derer, die mit dem Erreger in Berührung gekommen sind, nicht aber die Zahl der Erkrankten. Ein Mensch starb bislang an der Krankheit. Keiner befindet sich derzeit in Lebensgefahr. Den wenigen Infizierten geht es gut. In Nevada, wo ein Brief mit Milzbrand-Sporen, abgeschickt vermutlich in Malaysia, in einem Microsoft-Büro eingegangen war, hat sich offenbar niemand angesteckt.

Die amerikanische Regierung spricht inzwischen offen von Bio-Terrorismus. "Es ist eindeutig ein terroristischer Akt, wenn Anthrax-Bakterien mit der Post verschickt werden", sagte Gesundheitsminister Tommy Thompson. Davon geht auch Präsident George W. Bush aus. Am Montagmittag trat er vor die Presse und bestätigte persönlich den nächsten Milzbrand-Verdacht. Ausgerechnet im Kapitol - dem Symbol für die offene Demokratie, wo jeden Tag Besuchergruppen herumgeführt werden - ist ein weiterer Brief entdeckt worden. Er war gerichtet an den Mehrheitsführer des US-Senats, Thomas Daschle, der im Senat die Fraktion der oppositionellen Demokraten leitet.

Ob die Fälle allerdings im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September stehen, ist nach wie vor unklar. Beweise dafür gibt es nicht. Auch Bush muss das zugeben. Und das gilt ebenso für den Brief an Daschle, der selbst nicht mit der Substanz in Berührung kam. Der Verdacht speist sich lediglich aus vagen Indizien. Der Geheimdienst CIA hatte schon vor Jahren gewarnt, dass Osama bin Laden seine Gefolgsleute "im Gebrauch von chemischen und biologischen Giften ausbildet". Mindestens einer der Attentäter hatte sich Anfang des Jahres in Florida über die Benutzung von Flugzeugen informiert, mit denen Insektenvertilgungsmittel versprüht werden. Bekannt ist ebenfalls, dass bin Laden in der Vergangenheit versucht hat, an Nuklearwaffen heranzukommen.

Bis an die Schmerzgrenze

Seltsam ist die jüngste Information. Angefangen hatten die Milzbrand-Erkrankungen in Florida, bei Mitarbeitern eines großen Medienunternehmens, das Boulevardblätter wie "National Inquirer", "Star" und "Sun" publiziert. Ein Fotoreporter der "Sun" war am 5. Oktober an der Krankheit gestorben. Auf seiner Computertastatur fanden sich Milzbrand-Sporen. Nun stellt sich heraus, dass die Ehefrau des Chefredakteurs der "Sun", Gloria Irish, wiederum Kontakt zu mindestens zwei der insgesamt 19 Flugzeugentführer hatte. Vor einigen Monaten hatte Frau Irish, die als Maklerin arbeitet, den Männern Mietwohnungen in Florida besorgt. Doch ein Beweis dafür, dass die infizierten Briefe aus dem Umfeld des Terror-Netzwerkes Al Qaida stammen, ist auch diese Verbindung nicht. Ein Zufall, sagt die Bundespolizei FBI.

Mehr als 300 Angestellte des Medienunternehmens wurden inzwischen vom FBI befragt. In den vier betroffenen US-Bundesstaaten Washington DC, Florida, New York und Nevada laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Dabei geht der Rechtsstaat, nach Auffassung von US-Bürgerrechtlern, bis an die Schmerzgrenze - mitunter sogar darüber hinaus. In New York etwa sitzt eine unbekannte Zahl von arabisch aussehenden Verdächtigen, zum Teil seit mehreren Tagen, in Einzelhaft. Ob es sich um Zeugen, Informanten oder Komplizen handelt, erfährt keiner.

Ernüchternd und erschreckend zugleich ist die Erkenntnis, dass der Staat auf einen umfassenden Angriff mit biologischen Waffen nicht vorbereitet ist. Das Gesundheitsministerium hat den Kongress deshalb um eine Aufstockung seines Etats gebeten. Anderthalb Milliarden Dollar zusätzlich will Thompson haben. Zurzeit gibt es ausreichend Antibiotika, um zwei Millionen Amerikaner sechzig Tage lang zu behandeln. Das reicht nicht, meint die Regierung. Sie braucht sechs Mal so viele Medikamente. Das Unternehmen Bayer, das das Antibiotikum "Cipro" herstellt, will deshalb ein geschlossenes Produktionswerk in den USA, wieder eröffnen.

Allerdings wird das Gefühl der Sicherheit durch solche Informationen nicht gerade gestärkt. Die Bevölkerung, sagt der Gesundheitsminister, brauche keine Gasmasken und Antibiotika zu horten. Aber als Begründung dafür wird nicht etwa das Fehlen einer konkreten Bedrohung genannt, sondern der Umstand, dass die medizinischen Lagerhallen des Staates bald gut gefüllt sein werden.

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