Kultur : Milzbrand: Doppelt ansteckend

Malte Lehming

Laut Alarm zu schlagen, ist spektakulär. Wenn Gebäude evakuiert, Poststellen geschlossen und Arbeitsstellen von Biomedizinern durchsucht werden, die wie Astronauten aussehen, dann ist für jeden sichtbar Gefahr im Verzug. Wenn in der US-Hauptstadt die Mülltonnen aus den U-Bahnhöfen abmontiert werden, in den Straßen rund ums Weiße Haus die Briefkästen verschwinden und im gesamten Viertel, in dem das Kapitol liegt, ein Lastwagen-Fahrverbot gilt, dann spürt man, wie akut die Bedrohung zu sein scheint. Die US-Bundespolizei hat eindringlich davor gewarnt, es könne "in den nächsten Tagen" weitere Terroranschläge geben. Als wahrscheinlichster Zeitpunkt wird der heutige Sonntag genannt. Alle Bürger wurden zu höchster Wachsamkeit aufgerufen.

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Umfrage: Bodentruppen nach Afghanistan? Amerika aber ist bereits wachsam. Der Schock über den 11. September sitzt tief, die aktuellen Meldungen über die Milzbrand-Infizierten steigern das Gefühl der Unsicherheit noch. Fast alle sind überzeugt davon, dass es sich um gezielte Attacken handelt. Das Wort vom "Bioterrorismus" geht um. Ein einzelner Erkrankter wäre als Zufall durchgegangen, aber nicht vier Erkrankte, von denen einer bereits gestorben ist. In den vergangenen 100 Jahren waren genau 18 Milzbrand-Infektionen in den USA registriert worden, die letzte davon in den siebziger Jahren. Und jetzt gleich vier? Außerdem sind alle Betroffenen offenbar mit einem verdächtigen weißen Pulver in Berührung gekommen, das sich in entsprechend verdächtigen Briefen befand.

Das FBI sagt, es gibt keinen Hinweis darauf, dass diese vier Fälle etwas mit dem 11. September zu tun haben. Aber was heißt das? Ist es weniger beunruhigend, wenn statt radikaler Islamisten ein einheimischer zweiter "Unabomber" seine tödlichen Botschaften verschickt? Die Flugzeugentführer haben mit gewaltigem Aufwand großen Schrecken verbreitet. Wer Milzbranderreger verschickt, verbreitet mit wenig Aufwand ein vergleichbares Maß an Angst.

Inzwischen drehen die ersten Menschen durch. Vor wenigen Tagen stürmte ein Passagier ins Cockpit einer Maschine der "American Airlines". Er war in Panik geraten, weil er annahm, der Teufel leibhaftig würde das Flugzeug ins nächste Hochhaus steuern. Am vergangenen Dienstag stieg in Washington ein Mann mit einem Gewehr und einer Spraydose in die U-Bahn. Er feuerte um sich und sprühte in die Luft. Entsetzen breitete sich aus. Die Station wurde sechs Stunden lang geschlossen und von Spezialkommandos untersucht. Am Ende stellte sich heraus, dass in der Spraydose Reinigungsmittel war.

Unter die Haut jedoch gehen eher die kleinen, stillen Gesten. Viele Menschen schließen jetzt Lebensversicherungen ab. Notare berichten, sie müssten Überstunden machen, weil immer mehr Menschen ihr Testament aufsetzen wollen. Selbst in ärmeren Familien werden verstärkt Mobiltelefone gekauft, im Ernstfall will jeder erreichbar sein. Geplante Ausflüge werden abgesagt, wenn Polizeisirenen ertönen, zucken viele Menschen zusammen, im Geräusch der Flugzeuge, die über die Stadt fliegen, klingt immer noch Bedrohung mit. Sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz haben viele Amerikaner ein Notfallpäckchen deponiert. Es enthält Wasser, etwas zu essen, Unterwäsche, eine Taschenlampe, ein kleines Transistorradio, Batterien und Streichhölzer.

In den Medien haben Psychologen und Mediziner die Politiker und Militärs verdrängt. Der Mensch sei genetisch so disponiert, sagt einer von ihnen, dass er sich erst ängstigt und dann nachdenkt. Ein anderer ergänzt: Die Angst nimmt in dem Maße zu, wie die Gefahr neuartig statt bekannt ist, ihre Auswirkungen katastrophal statt chronisch sind und es sich um eine unsichtbare statt sichtbare Gefährdung handelt. Die "New York Times" diagnostiziert eine "wachsende Hysterie" in der Bevölkerung.

Die wird auch durch die Politiker nicht reduziert. Präsident George W. Bush sagt regelmäßig, die Amerikaner sollen zu ihrem täglichen Leben zurückkehren, sich in ihrer Angst nicht zur Geisel der Terroristen machen lassen. "Geht zur Arbeit, steigt in die Flugzeuge!" Einen Satz später jedoch heißt es: "Unsere Nation ist immer noch in großer Gefahr. Ich appelliere an Ihre Wachsamkeit." Der Widerspruch löst sich nicht auf.

Zur Beruhigung trägt kaum bei, dass das FBI seinem Ruf als ein schlampig operierender Bürokratenverein auch diesmal offenbar wieder gerecht wird. Der Brief mit dem Milzbranderreger, der beim Nachrichtensender NBC in New York eingegangen war, lag dem FBI seit dem 25. September vor. Fast zwei Wochen lang dauerte es, bevor die Untersuchung begann. Und selbst das geschah nicht aus eigenem Antrieb, sondern nur, weil ein Arzt bei der NBC-Reporterin die Krankheit bereits diagnostziert hatte.

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