• Mimi ist taub, Simone wohnt in der Garage, Celina hat Cellulitis, Fatima träumt vom Fliegen. António Lobo Antunes erzählt von vier Frauen und einer großen Wut

Kultur : Mimi ist taub, Simone wohnt in der Garage, Celina hat Cellulitis, Fatima träumt vom Fliegen. António Lobo Antunes erzählt von vier Frauen und einer großen Wut

Meike Fessmann

Die dumpfe Schwüle eines Terrariums, diese den Hals zuschnürende Stimmung einer domestizierten Bedrohung hängt über dem neuen Roman des Portugiesen António Lobo Antunes. Düster geht es meistens zu im Werk des manischen Vielschreibers Lobo Antunes, der alle zwei Jahre einen umfangreichen Roman zustande bringt (mittlerweile sind es vierzehn geworden), doch "Anweisungen an die Krokodile" ist von einer Unerbittlichkeit, wie sie selbst für diesen Autor ungewöhnlich ist. Nach "Das Handbuch der Inquisitoren" und "Portugals strahlende Größe" ist dies der dritte Band einer Tetralogie über das Verhältnis des Menschen zur Macht.

"Anweisungen an die Krokodile" handelt von der unglaublichen Wut der Frauen. Und Lobo Antunes erzählt von dieser Wut, als studiere er die Funktionsweise eines Dampfdrucktopfes. Er läßt es gären und kochen, brodeln und brennen - aber er hebt den Deckel nicht. Das ist durchaus klug, denn sonst flöge uns alles um die Ohren, und doch ist es auch befremdlich. Da schaut ein Autor so genau hin, kriecht hunderte von Seiten lang durch die feinsten Verästelungen der weiblichen Psyche, zerrt Demütigung um Demütigung ans Tageslicht - und läßt am Ende alles in einer Polit-Farce enden, im Slapstick eines Attentats, oft geprobt in all den früheren Romanen.

António Lobo Antunes, der in Portugal eher umstritten ist, gilt hierzulande als einer der herausragenden Autoren der Gegenwart. Zunächst jahrelang als Geheimtip gehandelt, hat er sich spätestens 1997, als Portugal Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse war, durchgesetzt. Ohne Portugal, ohne die Geschichte dieses Landes, ohne Kolonialismus, Katholizismus, Salazar und die Nelkenrevolution wäre António Lobo Antunes nicht denkbar. Dennoch sind seine Bücher nicht wirklich politisch und alles andere als historische Romane. Lobo Antunes ist Psychiater und sein Werk ein großangelegter Atlas der Schwermut. Nicht umsonst ist die melancholische Grundstimmung den Portugiesen einen eigenen Begriff wert: Saudade, das Gefühl sehnsuchtsvoller Einsamkeit.

Die Einsamkeit der vier Frauen, die im Zentrum dieses Buches stehen, ist wahrhaft bodenlos. Alle vier sind im Begriff, die besten Jahre hinter sich zu bringen, ohne dass es irgendetwas gegeben hätte, das wirklich von Belang gewesen wäre. Ihren Männern bringen sie, egal ob tot oder lebendig, nichts als Verachtung entgegen, von Berufen ist nie die Rede, Kinder haben sie keine. Nur die eigene Kindheit scheint ein Ort zu sein, an den man sich zurücksehnen kann. Saudade ...

Mimi, aufgewachsen in Coimbra, im Schatten einer allgegenwärtigen Großmutter, die, bewegungsunfähig im Rollstuhl thronend, die Familie mitsamt ihrem schäbigen Restaurant unter Kontrolle hielt, diese Mimi also, taub von klein auf, hat nun, mit 41 Jahren, Krebs bekommen. Ihr Mann betrügt sie schon lange, mit der Witwe seines Geschäftspartners. Mit der sucht er auch die Perücke aus, die seine Frau, ohne sich zu wehren aufsetzt, nachdem ihr der Chemotherapie wegen die Haare ausgegangen sind. Wie ein Fisch im Aquarium kommt Mimi sich vor, wenn sie im Krankenhaus liegt und das Mittel durch ihre Adern in sie hineinläuft. Und sie sieht all die anderen Fische, die ebenso ehrerbietig wie sie die Behandlung über sich ergehen lassen. Und sie weiß, dass das Leben weitergeht, das Leben der anderen. Es empört sie. Doch eigentlich ist es ihr egal, völlig egal. So tut sie auch nichts, als sie merkt, daß ihr Haus verkabelt wird, verkabelt, um in die Luft zu fliegen. Es ist ihr recht, je schneller es zu Ende geht, umso besser.

Simone wohnt in der Garage, die zu Mimis Anwesen gehört. Dort bastelt ihr Freund Bomben, seit Jahren schon. Auch Simone hat es satt, all den Dreck und das Chaos, und dass sie kein Kind bekommt, obwohl ihr Körper immer fetter und fetter wird. Angst, lebendig begraben zu werden, hat sie schon von Kindheit an. Vor dem Dunkeln fürchtet sie sich.

Celina ist die Witwe des Geschäftspartners von Mimis Mann und also dessen Geliebte. Das Attentat auf den eigenen Mann hat sie selbst in Auftrag gegeben. Sie konnte ihn, den um Jahre Älteren, nicht mehr ertragen, auch wenn er sich ihr stets nur mir allergrößter Höflichkeit genähert hatte. Nun ist sie allein mit ihrer Cellulitis und den Krähenfüßen - Mimikfalten nennt das ihre Kosmetikerin, für Celina aber ist es die Hölle. Sie ist "sauer auf die Zeit". Und irgendwo gibt es da die leise Erinnerung an einen Onkel, den Geliebten der Mutter, der sie immer fliegen ließ, wenn er zu Besuch kam; auch ins Bett hat er sie gebracht, wo Micky Maus schon lag, das geliebte Stofftier mit der schwarzen Schnauze, das am Ende der Heirat zum Opfer fiel und im Müll landete. Nie hat sie diesen Schmerz überwunden.

Am meisten Kraft, am meisten (negative) Energie strahlt Fátima aus, die schon morgens der Welt mit einer Wut begegnet, dass sich selbst die Sonne kaum mehr zu scheinen traut. Sie ist geschieden und in psychiatrischer Behandlung. Eine notorische Langschläferin, die die Gegenstände hasst, weil sie sich stets gegen sie verschwören. Auch sie träumt vom Fliegen - und stellt sich immer wieder vor, wie man sie als Wasserleiche nach dem Selbstmord an Land zieht.

Was hat dieses Bergwerk zu bedeuten, diese Seelenmüllhalde, die Lobo Antunes Schicht für Schicht freilegt? Dass das Private politisch sei, war eine der programmatischen Behauptungen der Achtundsechziger. Dieses Buch stellt die Gegenthese auf. Es zeigt die privaten Sehnsüchte hinter den politischen Parolen. Das Attentat, in das alle vier Frauen auf die eine oder andere Weise verwickelt sind und das am Ende auch tatsächlich stattfindet, wird von den Männern, die zur extremen Rechten gehören und sich nach der Revolution von 1974 den Salazarismus zurückwünschen, aus politischen Gründen betrieben. Die Frauen aber machen mit, weil es ihnen recht ist, wenn alles in die Luft fliegt. Sie wehren sich nicht dagegen. Schmerz und Wollust sind ihnen eins.

António Lobo Antunes ist ein meisterhafter und das heißt auch überaus suggestiver Erzähler. Sein Schreiben zielt auf die Kunst des Romans. Und so reizt er die Errungenschaften der klassischen Moderne so weit wie möglich aus. Seine Romane sind aus zahlreichen Perspektiven erzählt, es gibt keine übergeordnete Erzähler-Instanz, Bewusstseinszustände - seien es die Zustände verschiedener Personen oder einer Person zu verschiedenen Zeiten - werden ständig ineineinander geblendet, die Außenwelt erscheint nur durch den Filter einer fragmentierten Wahrnehmung, Vergangenheit und Gegenwart ordnen sich auf keiner Zeitachse, sondern existieren in derselben annähernden Gleichzeitigkeit, die auch die Arbeit des Gehirns bestimmt.

In dieser Virtuosität liegt aber auch eine Gefahr: die des Leerlaufs der Bewusstseinsmaschinerie. In einem Tagesspiegel-Interview vom 12. Oktober 1997 spricht Lobo Antunes von dem nun vorliegenden Roman noch in Projektform: Er plane, so erklärt er, "ein Buch, in dem nur Frauen sprechen, und zwar über die extreme Rechte, die nach der Revolution des 25. April 1974 Bomben warf und Attentate verübte. Aus der Sicht der Frauen - denn die Männer haben nie alles erzählt - erfährt man, was sich die Frauen davon versprachen." Doch genau das erfährt man nicht. Die vier Frauen dieses Buches haben eine markante gemeinsame Eigenschaft. Sie haben kein Verhältnis zur Zukunft. Und also ist es ihnen unmöglich, sich von einer politischen Aktion etwas zu versprechen.

"Anweisungen an die Krokodile" ist ein Roman, dessen Zwiespältigkeit - und dessen Wahrhaftigkeit - etwas mit der literarischen Radikalität dieses Autors zu tun hat. In einer Hinsicht gelingt António Lobo Antunes nämlich durchaus, was er sich vorgenommen hat. Sein Roman zeichnet das intime Porträt des rechten Bewußtseins: als eine Form der Vergangenheitsverklärung, die zu einer so heftigen Negation der Gegenwart führt, dass der Tod verlockender erscheint als die Zukunft. Weil seine Erzählweise darauf beruht, die Zeit stillzustellen, kommt Lobo Antunes diesem Bewußtsein auf eine fast unerträgliche Weise nahe. Dass er dabei keine politischen Inhalte braucht und den Korpus des Romans, Stück für Stück, aus regressiven weiblichen Sexual-Phantasien herausschält, ist das verborgene Skandalon dieses Buches.António Lobo Antunes: Anweisungen an die Krokodile. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand Literaturverlag, München 1999. 441 Seiten, 48 DM.

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