Minarett-Diskussion : Tabubruch

Europa und das Minarett: Die Fassade der Schweizer Musternation brökelt - eine Diskussion im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Annabelle Seubert

„Wir sind klein und fein, unser Herz ist rein.“ So fasst der Schweizer Journalist Frank A. Meyer den Ruf seines Heimatlandes bis zum vergangenen Adventssonntag zusammen. Dann stimmten 57,5 Prozent der Schweizer dafür, dass in ihrer Verfassung künftig der Satz „Der Bau von Minaretten ist verboten“ steht. Seitdem bröckelt die Fassade der Musternation. „Irgendwann musste die Entzauberung ja stattfinden“, sagt Adolf Muschg auf der Podiumsdiskussion „Europa und das Minarett-Verbot“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Der Zürcher Schriftsteller nennt die Volksinitiative ein „peinliches Thema“. Darüber sind sich auch die anderen Gäste einig. „Wir haben es hier mit einem europäischen Problem zu tun“, betonen Bundestagspräsident Norbert Lammert, Verfassungsjuristin Susanne Baer, Historiker Michael Wolffsohn und vor allem Navid Kermani.

Der deutsch-iranische Autor, seit drei Jahren Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, fordert eine offensive Debatte über die Zukunft Europas. Eine Kettenreaktion des Schweizer „Tabubruchs“ sei nur mit Wucht, Polemik und Überzeugungskraft zu verhindern, meint er. Und trifft damit ins Schwarze. Denn immer wieder kreist das Gespräch um das Verhältnis von Staat und Kirche oder um die Gleichstellung der Frau. Mit der Frage, wie ein Zusammenleben der europäischen Mehrheitsgesellschaft mit der islamischen Minderheit aussehen könnte, will sich keiner wirklich beschäftigen. Bis Meyer endlich ausspricht, was alle denken: „Wir reden um den heißen Brei herum.“ Kaum eine weitere Aussage würdigt das Publikum mit mehr Applaus.

Es reagiert auch zustimmend, als Lammert die Diskrepanz zwischen den Vorwahlumfragen zum Minarett-Verbot und dem tatsächlichem Ergebnis zu erklären versucht: „Das Selbstverständnis der Europäer kollidiert mit ihren Alltagserfahrungen.“ Am Ende wird also doch noch Klartext geredet. Man müsse den Menschen die Angst vor einer islamistischen Radikalisierung nehmen, weiß Historiker Wolffsohn. „So funktioniert Integration. Ohne Phrasen.“ Annabelle Seubert

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