Kultur : Minen-Mord

„Blinder Schacht“, ein Film aus China

Annika Hennebach

Das Leben ist hart im Postsozialismus. Für ein paar Yuan schuften Song (Li Yixiang) und Tang (Wang Shuangbao) in den privatisierten Kohlebergwerken Nordchinas. Für ein paar Yuan mehr geben sie einen Wanderarbeiter als Familienangehörigen aus, erschlagen ihn, fingieren einen Unfall und kassieren Schweigegeld. Wohl wissend um die schlechten Sicherheitsbedingungen, die die Betreiber der Bergwerke vertuschen wollen. „In China mangelt es an allem, nur nicht an Menschen“, sagt einer der Privatiers, und zahlt 3000 Euro für den Toten. Doch beim nächsten Opfer der Freunde, dem 16-jährigen Yuan (Wang Baoqiang), kommt alles anders. Je länger sie den Mord hinausschieben, desto stärker verändert sich ihre Beziehung. Der Spielfilm „Blinder Schacht“ erzählt eine wahre Geschichte nach Liu Qingbangs Roman „Shenmu“. Regisseur Li Yang, der zuvor in Deutschland Dokumentationen drehte, erhielt dafür auf der Berlinale 2003 den Silbernen Bären. „Blinder Schacht“ präsentiert sich anders als das neue chinesische Kino mit den opulent bebilderten Epen, wie etwa Yimou Zhangs „Hero“, der im gleichen Jahr auf der Berlinale lief. Yang bleibt seinen Dokumentar-Mitteln bei der Adaption des Stoffes aus dem Arbeitermilieu treu. Trotz wackelnder Handkamera auf Augenhöhe und fehlender Musikuntermalung bleibt „Blinder Schacht“ fingierte Dokumentation, ein Zwitter zwischen den Genres wie zwischen den Zeiten.

Dennoch gelingt ein ungeschönter Blick auf die sich wandelnde chinesische Gesellschaft. Frauen tauchen fast nur als Huren oder abwesende Ehefrauen auf. Die rauen Männer in der kargen Landschaft – über und unter Tage – zeugen in ihrer Skrupellosigkeit von großer Verwirrtheit in der neuen Welt. In China wurde der Film verboten. Schließlich sterben jährlich über 8000 Menschen in illegalen Minen.

In Berlin im Kino fsk (OmU)

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