Kultur : Minimal-Bach

ULRICH AMLING

"Was ist Wahrheit?" entfährt es Pilatus nach dem Verhör des von den Hohepriestern angeklagten Jesus. Ein Stoßseufzer, der so über dem gesamten Eröffnungskonzert der Berliner Bach-Tage schweben kann. Vor sommerlich gelichteten Reihen präsentieren "The Bach Players" aus London die Johannes-Passion des Thomaskantors in der Fassung von 1749 und führen den Hörer in das Laboratorium Bachs. Denn die Passion nach dem Bericht des Johannes sollte die Werkstatt nie in einer endgültigen Form verlassen. Immer wieder feilte der Komponist an der Gesamtstruktur, aus deren epischem Verlauf scharfkantig geschliffene Chöre dramatisch Volkes Stimme erheben.Die herbe Grundstimmung des Werkes verstärkt sich im Kammermusiksaal durch die schmale Besetzung der 1996 gegründeten "Bach Players": Zehn Sänger bilden den Chor und treten aus ihm auch solistisch hervor, 14 Musiker umfaßt das von Gary Cooper geleitete Orchester. Warum darin gerade die zusätzlichen Streicher und das Kontrafagott fehlen, von Bach ausdrücklich in seiner Spätfassung vorgesehen, bleibt ein Rätsel. Im Eingangschor "Herr, unser Herrscher" kann der britische Minimal-Bach seine Qualitäten ergreifend entfalten: Nichts mildert den Klang der klagenden Flöten und Oboen, aus dem kleinen, scharf artikulierenden Chor dringt der Schmerz individueller Menschenkehlen. Doch das große Arbeitspensum fordert auch seinen Tribut: Dem Legato fehlt Geschmeidigkeit, und auch die Arien-Ausflüge können nicht restlos überzeugen, wirken angespannt wie der Altus William Purefoys oder schlicht überanstrengt wie der Tenor James Gilchrists. Einen souveränen Gestalter des Evangelisten hingegen offenbart einmal mehr Mark Padmore, der die emotionale Tiefe der Petrus-Klage und den Bericht der Geißelung Jesu mit zitterndem Schrecken erfüllt.So liefern "The Bach Players" ein zerklüftetes Bild der Johannes-Passion - und halten die Frage "Was ist (musikalische) Wahrheit?" offen. Nicht der schlechteste Auftakt für die Bach-Tage.

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