• Minimal maximal - Das Museum für neue Kunst (MNK) zeigt Highlights aus vier baden-württembergischen Privatsammlungen

Kultur : Minimal maximal - Das Museum für neue Kunst (MNK) zeigt Highlights aus vier baden-württembergischen Privatsammlungen

Carmela Thiele

"Faster, bigger, better" heisst eine Neonröhrenarbeit der Schweizerin Sylvie Fleury aus der Sammlung Grässlin im neuen Domizil des Museums für Neue Kunst (MNK) in Karlsruhe. Größer und besser präsentiert sich das 1997 eröffnete Kunstmuseum, das als Teil des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) bislang die Brücke zwischen traditioneller Videokunst und avancierter Cyberkunst schlagen sollte. Auf stolzen 7000 Quadratmetern - zwei Lichthöfe vom ersten Standort entfernt - kann Direktor Götz Adriani Highlights aus vier baden-württembergischen Privatsammlungen zeigen. Rund ein Drittel des gesamten Bestandes machen nun die Leihgaben von Friedrich Rentschler, Josef Froehlich, der Familie Grässlin und Siegfried Weishaupt aus. Gezeigt werden aber vorerst fast nur diese Sammlerstücke.

Schnell kam diese Kooperation indes nicht zustande. Sie ist vielmehr ein Kompromiss, wenn auch ein gelungener. Vor knapp zehn Jahren sollte nämlich das Sammlermuseum eigentlich in Stuttgart entstehen - mit der heute in Berlin residierenden Sammlung Marx als Kernbestand. Doch der bereits preisgekrönte Entwurf hätte 120 Millionen Mark gekostet - zu teuer, die Sache wurde abgeblasen. Als dann immer mehr baden-württembergische Sammler sich nach anderen Möglichkeiten umsahen, ergriff der Tübinger Kunsthallen-Chef Götz Adriani gemeinsam mit dem ZKM-Gründungsdirektor Heinrich Klotz, der kürzlich gestorben ist, die Initiative: Die zwei frei gebliebenen Lichthöfe des ZKM könnten das Sammlermuseum aufnehmen. 1997 fiel dann in der Landesregierung die Entscheidung für Karlsruhe, denn der Umbau konnte schnell in Angriff genommen werden und kostete nur 24,5 Millionen.

Das schwäbische Stuttgart mußte also aus Sparsamkeitsgründen mitansehen, wie die badische Hauptstadt Karlsruhe zu einem grandiosen Museum für Gegenwartskunst kommt. Und Adriani hatte den schwierigen Job, die zum Teil in Stuttgart verwurzelten Sammler für diesen Standort zu gewinnen. Doch zeigen die vier Hauptsammler sich nach der Fertigstellung zufrieden. Zu Recht: Die grandiose Lichthof-Architektur ermöglicht ein ungewöhnliches Museumserlebnis. Vom zweiten Stock kann man in die anderen Galerien blicken, gleichzeitig Minimal Art, deutsche Malerei von Georg Baselitz und Anselm Kiefer, aber auch die Pop Art von Andy Warhol und Roy Lichtenstein sehen. Diese simultane Wahrnehmung ist überwältigend, auch wenn sie nicht darüber hinwegtäuscht, dass im MNK die Kunst der vergangenen Jahrzehnte dominiert.

Die offenen Räume, die wenig Hängefläche und kaum intime Situationen zulassen, versteht Adriani als Herausforderung. Er versteht es, aus der Not eine Tugend zu machen. Denn, so Adriani, die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst verlaufe schließlich nicht evolutionär, sondern gehe simultan und überschneidend vonstatten.

Doch was bringen die grandiosen "Durchblicke, Weitsichten, Rückblicke"? Stellt sich mehr ein, als ein diffuses Gefühl loser Verbindungen? Schaut der Betrachter beispielsweise auf die schöne Folge von Kippenberger-Bildern aus der Sammlung Grässlin, hat er Andy Warhol im Rücken, Sigmar Polke und Sylvie Fleury. Da lassen sich Verbindungen konstruieren, doch nur für Eingeweihte. Und zwischen den Kippenberger-Stellwänden lugt eine Blumenvasen-Installation von dessen Schüler Tobias Rehberger hervor, von dem außerdem funktionale Interieurs für die Bewältgung des Alltags installiert sind. Dieser Teil des Umgangs im zweiten Obergeschoss, der sich mit Werken von Georg Herold und Asta Gröting fortsetzt, ist der originellste Bereich des Museums, das zwar vorwiegend hervorragende, aber auch längst abgesicherte Kunstmarktkunst bereit hält.

Dabei hat das Einkaufen prominenter Namen auch seine Vorteile. So konnte aus den Sammlungen Froehlich und Weishaupt eine kleine Bruce-Nauman-Schau zusammengestellt werden. Die Werke des multimedial tätigen Künstlers dienen als Brücke zum Mutterhaus ZKM, von dem sich das MNK als Sammlermuseum nun langsam entfernt. Wohin der Kurs geht, ist ungewiss. Die Vision von Heinrich Klotz, der ein Neben- und Miteinander aller Künste propagierte, verwirklicht sich wohl eher indirekt. Die vollständige Durchwegung des gesamten ZKM-Komplexes ist bislang an den hohen Kosten gescheitert - unfreiwillig ein Sinnbild dafür, dass es sich weitgehend um unabhängige Institutionen handelt. So wird das MNK auch andere Öffnungszeiten haben als das Medienmuseum und die Institute des ZKM.

Die erste Hürde als Sammlermuseum ist jedoch genommen: Adriani lehnte die Beteiligung von Rudolf Scharpff ab, der immerhin bereits zu Lothar Späths Zeiten mit auf der Liste für das Gegenwartskunstmuseum stand. Das wohl singuläre Archiv von Graffiti-Malerei samt Filmaufnahmen aus den siebziger Jahren passte dem Museumsmann nicht in seinen Kunstkanon. Außerdem lagern schon prominente Teile der Scharpff-Sammlung in der Hamburger Kunsthalle. Gleichwohl möchte Adriani offen sein für die neuen Erwerbungen seiner Partner Froehlich, Rentschler, Weishaupt und Grässlin, ebenso für neue Sammler, die da noch kommen könnten. Doch will er selbst entscheiden, was ins MNK hineinkommt und was nicht. Diese Klarheit im Umgang mit den Sammlern ist sicher ein Novum, das hoffentlich dank Karlsruhe Schule machen wird. Publikationen: Kunst Sammeln, hrsg. Götz Adriani, mit Texten von Boris Groys, Daniel Libeskind und Peter Weibel (u. a), Hatje-Cantz Verlag Stuttgart, 49 Mark; Bruce Nauman, Werke aus den Sammlungen Froehlich und FER, Hatje-Cantz Verlag Stuttgart, 38 Mark.

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