Kultur : Minimal

Uraufführung: Maxim Biller am Maxim Gorki Theater

Rüdiger Schaper

Ein neues Genre scheint sich mit dem Intendanten Armin Petras am Berliner Maxim Gorki Theater zu entwickeln: der angebrochene Abend. Kurz vor Neun stehst du wieder auf der Straße. Auch neu und praktisch: keine Programmhefte mehr, sondern karierte Lesezeichen mit den nötigsten Daten und Namen. In Maxim Billers Stück „Menschen in falschen Zusammenhängen“ heißen sie Dina und Micky. Ein Liebespaar, das sich ein letztes Mal trifft. Die Affäre soll nach einem Jahr beendet werden. Warum – das kapiert man nicht. Wie auch die Frage, von wem Dina (im Epilog) schwanger ist, halbwegs offen bleibt. Wahrscheinlich von ihrem Ehemann, einem Verkäufer von Designermöbeln. Der taucht aber nur als Dialogobjekt auf. Billers „Menschen ...“ ist ein Zweipersonenstück mit unsichtbarem Dritten.

Die neuen Gorki-Produktionen, das ist Programm, spielen in Berlin. In Mitte. Dina und Micky genießen im Bühnenbild von Susanne Schuboth die (projizierte) Aussicht auf Mietshäuser, sonst gibt es da einen großen Kühlschrank, einen Fernseher, Musik von T. Rex und viele Matratzen in Schutzfolie. Und so hat Peter Kastenmüller diese Uraufführung auch in Szene gesetzt: aseptisch, leidenschaftslos, safer Smalltalk über Sex. Isabella Parkinson, eine muntere Hübsche, und Peter René Lüdicke, ein treuherziges großes Kind, halten den Dialog die ganze kurze Zeit auf einem gekünstelt-vernünftelnden, leicht gereizten Grundton.

Der Gatte ist (wirklich?) verreist, es liegen genug Kissen herum, die Boulevardklamotte klopft an. Wird aber nicht hereingelassen. Weil die Geschichte einen ernsteren Hintergrund hat? Dina und Micki leben als Juden in Deutschland (der Ehemann ist ein Goi), Micki, mit vollem Namen Michael Rosenstein, ist eine Figur des öffentlichen Lebens: Vorsitzender des jüdischen Gemeinderats. Aber all das spielt nicht die entscheidende Rolle, wird unterspielt. Billers Text hat kein Drama. Keinen Fluchtpunkt. Micki und Dina leben, wie fast alle Menschen in Berlin und anderswo, in einer verkehrten Welt. So what?

Wieder am 17. und 28. Oktober.

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