Kultur : Minimale Megastädte

Eva-Maria Wilde stellt ihre „Türme“ in die Galerie Müllerdechiara

Ulrich Clewing

Wenn man die Dinge einmal mit Abstand betrachtet, dann kann man den Eindruck gewinnen, dass eine Stadt mit ihren Straßen, Plätzen und Gebäuden aus einem Geflecht seltsamer grafischer Linien besteht. Was aber vielleicht noch merkwürdiger ist: Der gleiche Eindruck stellt sich ein, wenn man ganz nah herangeht.

Es ist diese Polarität von Mikro- und Makroperspektive, die den Arbeiten von Eva-Maria Wilde zu Grunde liegt. Wilde nennt sie „Türme“, tatsächlich sind es lang gestreckte Quader, die nicht zufällig an Modelle von Hochhäusern erinnern. Denn sie sind vollständig bedeckt mit einem Gitter aus Horizontalen und Vertikalen, als ob jemand einen Wolkenkratzer mit einer Kamera abgefahren ist.

So gesehen, steht in der Berliner Galerie Müllerdechiara im Moment eine ganze Stadt. Zu den dreizehn Skulpturen (3500–6000 Euro) gesellen sich noch sieben Gemälde und zwei Wandbilder (2000–5500 Euro, Preise für die Wandbilder auf Anfrage), die alle in diesem Jahr entstanden sind. Ihre Inspiration findet die 1972 in Dresden geborenWilde, die schon seit einigen Jahren in Berlin lebt, auf ihren Reisen. Vorzugsweise geht es nach Fernost, wo die Megacities besonders gut gedeihen.

Auf manchen der „Türme“ sind konkrete Reminiszenzen an die Vorbilder zu erkennen, hier und da hat die Künstlerin sogar Fotos eingeschmuggelt. In den meisten Fällen allerdings sind die Formen abstrahiert: Bahnen von handelsüblichen Klebestreifen bilden Muster aus Waagrechten und Senkrechten. Das hat bisweilen einen beträchtlichen Charme – auch wenn es sich dabei um den bekannten Charme der Arte Povera beziehungsweise eines gut sortierten Schreibwarengeschäfts handelt.

Auch für ihre Bilder verwendet Wilde vereinzelt Klebestreifen und Fotografien, doch überwiegen hier Gouachen und deckende, schnell trocknende Acryl-Farben. Und wenn ihre Skulpturen an Häuser erinnern, dann übernehmen die Gemälde den Landschaftsteil in dieser Ausstellung. Auf ihnen dominieren breite Striche vor einfarbig flächigen Hintergründen, so dass sich bald die Assoziation einstellt von Landkarten in großen Maßstäben oder von anderen, ähnlich schematisierten Naturdarstellungen.

Was die Bilder und Skulpturen gemeinsam haben, ist die Tendenz zur Folie. Und das wäre auch ein Ansatzpunkt für Kritik an diesen hübsch anzuschauenden Arbeiten: Eine Folie spannt sich über etwas, sie ist die perfekte Oberfläche. Und das kann manchmal auch recht oberflächlich sein.

Galerie Müllerdechiara, Weydinger Straße 10, bis 31. Juli, Dienstag bis Sonnabend 12–19 Uhr.

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