Kultur : Minne singt ihr letztes Lied

THEATER

Alexander Visser

Avantgardistisch oder altbacken, urkomisch oder unerträglich, professionell oder peinlich – wer sich auf gut Glück in eine freie Theaterproduktion wagt, weiß nie, was ihn erwartet. Die Berliner Szene ist groß und bunt – und planlos. Die Macher der Sophiensaele und des Hebbel am Ufer (HAU) fanden das schade und haben mit einem Wochenende des Freien Theaters Abhilfe geschaffen: Beim Open-Stage-Festival „100 Grad Berlin“ zeigten rund 120 Gruppen, was sich auf Berliner Klein- und Werkstattbühnen abspielt: vom Monolog bis zum Musikspiel, vom Puppentheater bis zur Performance. Macht das Sinn?

Zumindest macht es Spaß, zum Beispiel wenn drei Männer um einen Tisch sitzen und mit Haushaltsgeräten, brechenden Spagettis und hüpfendem Popcorn deutsches Liedgut neu interpretieren. So hat man die „klappernde Mühle am rauschenden Bach“ noch nie gehört. Ganz anders die Theaterspielgemeinde Berlin, die den Klassiker „Andorra“ von Max Frisch möglichst werktreu auf die Bühne bringt. Beim Publikum weckt die engagierte und etwas langwierige Aufführung nostalgische Erinnerungen an erste eigene Versuche in der Schulaula. Doch ist man in den Sophiensælen durchaus Experimentierfreudigeres gewohnt, zum Beispiel von Judica Albrecht und Anja Hempel, die mit der Performance „Die Versungene“ glänzten. Mit viel schwarzem Humor umspielen und -tanzen sie die traurige und reichlich verschrobene Liebesgeschichte eines mittelalterlichen Minnesängers zu einer Comtesse.

Ein Gemischtwarenladen kann nicht die Qualität eines Feinkostgeschäfts bieten. Aber er lohnt sich, wegen der Entdeckungen. Man denkt über eine Neuauflage im nächsten Jahr nach. Nur zu.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben