Kultur : Mio, böser Mio

Sigi Kammls Roadmovie „Blackout Journey“

Hans-Jörg Rother

Wäre Mio nicht der Erfolg als Bandleader zu Kopf gestiegen, hätte er seinen Bruder nicht wiedersehen wollen – wir wären um eine Kinoenttäuschung ärmer. Valentin, der Bruder, lebt auf einer Alm in Oberösterreich, und auf beide wartet eine stattliche Entschädigungssumme, wenn sie zusammen bei einem Wiener Notar erscheinen. Mio braucht das Geld dringend, um ein Tonstudio zu übernehmen. Valentin braucht es nicht, und außerdem weiß er nichts von Mio seit dem terroristischen Überfall auf dem Wiener Flughafen, wo die beiden im Kindesalter ihre Eltern verloren.

Die Terroristen sind schuld, beinahe könnte man dem Film eine hochpolitische Aktualität unterstellen. Aber in Sigi Kammls Geschichte beruht alles auf Zufällen: Mios Geldhunger, Anlass der überstürzten Reise von Berlin via Leipzig ins malerische Österreich, diverse Zwischenfälle, Valentins Gedächtnisverlust und das tödliche Finale noch einmal in Wien-Schwechat. Einzig eine Frau bringt Leben in dieses auf dem Reißbrett entworfene Bruderdrama: Mios Freundin Stella (Mavie Hörbiger), die seinen exzentrischen Ausbrüchen einen Puffer bietet. Mio dagegen, ein Egomane in Hochform, stößt nicht allein sie und den weichherzigen Bruder, sondern auch den Zuschauer immer wieder vor den Kopf. Ihn zu verstehen, geben Buch und Regie dem vorzugsweise schreiend auftretenden Marek Harloff wenig Gelegenheit.

„Blackout Journey“ – wer nach amerikanischen Vorbildern schielt, braucht unbedingt einen englischen Titel – ist ein temporeicher Bilderbogen. Aber was hat der Film zu sagen? Dass Verdrängungen sich immer an den Schwächsten rächen? Man weiß nicht, ob man mit Valentin oder mehr noch mit seinem Darsteller Arno Frisch, dessen Gesicht aus Michael Hanekes nervenstrapazierenden „Funny Games“ gut in Erinnerung ist, Mitleid haben soll. Alle scheinen in diesem Film überfordert, am Ende auch der Zuschauer, der keinen Sinn finden kann. Der von der Werbebranche kommende Regisseur mag die Kamera noch so oft auf der Straße vor Freude tanzen lassen, die Figuren werden davon nicht glaubwürdiger oder gar interessant. Und die österreichische Postkartenlandschaft ist auch kein Trost.

Babylon, Moviemento, Neues Kant

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