Kultur : Mir gehört die Popmusik

Mit seinem Album „Shock Value II“ zieht Timbaland die Quersumme aus den Sounds der nuller Jahre

Gerrit Bartels

Als Timothy Zachary Mosley noch ein junger, unbekannter Provinzmusiker war, der sich in seiner Heimatstadt Norfolk, Virginia, erfolglos als DJ Tiny Tim versuchte, da hatte er nur eins im Sinn: einmal im Radio gespielt zu werden. Nachdem ihm das gelungen war, wollte er mehr: mitbestimmen, welche Sounds im Radio vorherrschen, mithin den Mainstream-Pop gleich ganz verwandeln.

Über ein Jahrzehnt später beherrscht Timothy Zachary Mosley unter seinem Künstlernamen Timbaland die Charts, den Mainstream und das Radio, und zwar genau so, wie er sich das einst vorgestellt hat: Er bastelt als Produzent die Beats und Sounds für andere Popkünstler, er ist der entscheidende Mann an den Reglern im Studio. Ohne ihn hätte die 2001 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommene junge R&B-Sängerin Aaliyah nicht die Legende werden können, die sie heute ist. Ohne ihn wäre Missy Elliott nur eine unter vielen Hip-Hop- und R&B-Interpretinnen geblieben, ohne ihn wären ein Justin Timberlake, eine Nelly Furtado oder eine Keri Hilson weniger als die Hälfte wert.

Kein Wunder, dass inzwischen Kollegen aus den unterschiedlichsten Genres der Popmusik bei Timbaland Schlange stehen, um sich von ihm Alben oder wenigstens ein, zwei Tracks produzieren lassen, von Madonna (Großpop) über Björk (Elfenpop) bis zu Jay-Z (Hip-Hop) und The Game (Hip-Hop), von Chris Martin (Jammerpop) bis zu Chris Cornell (Grunge). Und genauso wenig ist es verwunderlich, dass bei so viel Ehre Timbaland selbst eines Tages ins Rampenlicht drängte und seinen Namen nicht immer nur im Kleingedruckten der Booklets der von ihm produzierten Alben sehen wollte.

Nach einem Flop Ende der neunziger Jahre präsentierte sich Mosley mit „Timbaland presents Shock Value“ 2007 erstmals wieder als ein Albumkünstler, der nicht nur die Vorgaben seiner Auftraggeber ausführt und im Hintergrund die Fäden zieht, sondern der selbst die Gästeliste zusammenstellt, Songs schreibt und manchmal sogar eigene Gesangseinlagen beisteuert. „Shock Value“ ist ein Produzentenalbum der Extraklasse; ein Album mit neuartig verschachtelten Beats, mit Schlackersounds und wuchtigen Bässen. Zudem hat Timbaland darauf intensiv an der Verschränkung seiner speziellen Beats mit Rockgitarren und Rockstimmen gearbeitet. Nicht nur Elton John gibt sich die Ehre, sondern hier tummeln sich Emo-Rocker wie She Wants Revenge und One Republic oder die schwedischen Rock’n’Roller The Hives.

Mein System kennt keine Grenzen, lautet Timbalands Devise. An die hat er sich jetzt mit dem dieser Tage veröffentlichten Nachfolger „Shock Value II“ gehalten, mit dem er nichts geringeres als „das bestehende System schockieren und erschüttern will“, wie seine Plattenfirma ihn zitiert. Hier finden sich wieder die Popstars, die Timbaland groß gemacht hat, also Justin Timberlake oder Nelly Furtado, hier findet sich eine ultimative Mainstream-Sirene wie Katy Perry. Und hier gibt es wieder zahlreiche Kooperationen von Timbaland mit Musikern aus dem Rockbereich: mit dem schnuckeligen Grunge-Waschbären Chad Kroeger von Nickelback, mit den jungen Rockschweinen von Jet, mit den alten Timbaland-Hasen von One Republic.

Das Ergebnis ist umwerfend. In diesem 75-minütigen Sounduniversum bleibt kein Klang auf dem anderen: schöner, oberflächenpolierter Schmock, feinziselierte Beatfiguren, das Geknödel eines Kroegers, die hellen Stimmchen einer Katy Perry oder einer Brandy. Insbesondere im Mittelteil des Albums sind zudem Tracks platziert, die direkt für die Tanzböden einschlägiger Clubs produziert worden sind, dominiert von House-, Elektro- und Disco-Beats.

Das gab es auf dem ersten „Shock-Value“-Album nicht – und könnte eine direkte Reaktion Timbalands auf den Erfolg seines Kollegen und Konkurrenten Will. I. Am. sein. Der veröffentlichte im Sommer ein Black-Eyed-Peas-Album, auf dem die Genres Hip-Hop und R&B kleingeschrieben wurden: Elektro und Disco – aber ganz groß. Mit „Boom Boom Pow“ und „I Gotta Feeling“ eroberte Will. I. Am die Clubs und ließ mit seinen Stammellyrics keinen Zweifel daran, dass es ihm um nichts anderes geht als gute Gefühle, gute Nächte und gutes Geballer.

Auch in dieser Hinsicht steht Timbaland dem Black-Eyed-Peas-Mastermind in nichts nach: fühlen, lieben, feiern, das muss reichen. Und die Quersumme aus allem lautet, gesungen von Miley Cyrus: „We belong to the music.“ Das mag arg schlicht sein, doch eins muss man Timbaland lassen. Die Popmusik der nuller Jahre hat er mit seinen Produktionen nachhaltig geprägt.

„Timbaland presents Shock Value II“ ist bei Interscope/Universal erschienen.

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