Kultur : MIR: Kontrollierter Absturz

Am Donnerstag verglüht ein Schrotthaufen in der Erdatmosphäre, einige Teile regnen herab. Ein Ende ohne Größe. Die Menschheit hat Angst vor den Bruchstücken der MIR wie vor einer geschlagenen Armee, die auf dem Rückmarsch unberechenbar ist. Vielleicht trifft eine Schraube ein rechtsradikales Jugendzentrum in Meck-Pomm und zerdeppert dort die Hitler-Büste. Das wäre ein letzter Triumph der Sowjetunion über den Faschismus.

Mit der MIR, gestartet von einem Staat, den es nicht mehr gibt, bringt sich der Wettstreit der Supermächte und Gesellschaftssysteme noch einmal in Erinnerung. Kennedys Herausforderung an Chruschtschow: Wir sind die Ersten auf dem Mond. Die Russen hatten nämlich den ersten Satelliten ins All geschickt, ein Kerlchen namens Sputnik, das war eine Demütigung für die USA, die gerächt werden musste. So wurde die Raumfahrt zur sportlichen Angelegenheit, einem Rennen, und zu einem Herzensanliegen der Militärs. Außerdem steckten kolonialistische Phantasien dahinter - der Aufbruch zu neuen Ufern, nachdem der eigene Planet erobert war. Jetzt, so könnte man sagen, richtet sich der Blick der Menschheit zurück auf sie selbst, auf die eigenen Gene, den eigenen Planeten mit seinen Klima-, Sozio- und Ökokatastrophen. Was sollen wir mit einer Kolonie auf Alpha Centauri, so lange wir in der Wilmersdorfer Straße kein ungefährliches Rindergulasch kaufen können?

Von der Raumfahrt erwartet man zurzeit nicht viel. Obwohl gerade emsig die nächste, die internationale Raumstation vorbereitet wird. Sie landen auf winzigen Himmelskörpern, unsere tüchtigen Forscher, sie fliegen mit ihren Maschinen weiter hinaus denn je, sie finden womöglich nächste Woche Spuren außerirdischen Lebens auf dem Mars - nützt alles nichts. Das Publikum hat das Interesse verloren. Wollten die meisten Kinder wirklich mal Astronaut werden, ist man wirklich in der Nacht aufgestanden und hat den Fernseher eingeschaltet? Mit der Raumfahrt ist es ähnlich wie mit Woody-Allen-Filmen. Man redet sich ein, dass die Qualität nachgelassen hat, mag sein, aber verändert hat sich vor allem der eigene Blick.

Nach der Politik ist auch die Wissenschaft zu Pop geworden. Die Nasa muss schleunigst einen Star wie Craig Venter hervorbringen, sonst werden sie ihnen den Laden dichtmachen, denn für Langweiler gibt keiner gern Geld aus. Ja, wahrscheinlich sind die meisten Dinge trivialer, als die Sinnverwalter in Kultur und Politik es wahrhaben möchten. Die Raumfahrt hat hauptsächlich deshalb an Reiz verloren, weil ihre Grenzen besser bekannt sind, mit anderen Worten: seit sich keine Allmachtsfantasien, keine globalen Bestrafungsängste mehr mit ihr verbinden. Genauere Wettervorhersagen, Satellitenfernsehen, Fotos von Saddams Lieblingspalast, die berühmte Teflonpfanne - das sind so Sachen, die wir der Raumfahrt verdanken, der Rest ist vage Hoffnung. Das Schlimmste: du kannst jahrzehnte-, jahrhundertelang durchs All driften, ohne einem einzigen grünen Glibbermonster zu begegnen.

Die Biowissenschaften sind auch deswegen zurzeit so hip, weil die praktischen Konsequenzen der Entdeckungen erst in Ansätzen sichtbar sind. Dieses Phänomen heißt: The new girl in town. Noch regiert die Phantasie. Die Geschichte der utopischen Literatur ist aber eine Geschichte der Irrtümer. Nach aller Menschheitserfahrung werden die Realitäten der kommenden Jahrzehnte weniger welterschütternd sein, als die Aufmacher im Feuilleton der "FAZ" von diesem Frühjahr. Aber das macht ja nichts. Seit Wissenschaft Pop ist, gehört die Wissenschaft allen, Campino, Ariane Sommer, der Papst, jeder ist dabei und bringt sich ein. Sonderbar, dass es noch keine populären Wissenschafts-Preise gibt wie den Bambi, oder den Echo, oder den Raab der Woche. Es müsste dabei auf die Erotik eines Themas ankommen, auf Marketing, auf den mythischen Gehalt, auf das Charisma der handelnden Personen. Wenigstens werden über die Biowissenschaften schon Abenteuerfilme wie "Matrix" gemacht, mit schönen jungen Stars wie Keanu Reeves. Die Raumfahrt aber wirft im Kino allenfalls nostalgische Ereignisse wie "Space Cowboys" ab, wo drei nette Senioren, quasi MIRs in Menschengestalt, nochmal auf eine Umlaufbahn geschossen werden.

Die nächste MIR heißt Dolly, das Klonschaf. In 20 Jahren wird man sich mit leichtem Befremden daran erinnern, wie wichtig man das alles gefunden hat. Womöglich ist aus den Biowissenschaften bis dahin trotz aller Prognosen auch wieder nur ein neuer Pfannenbelag geworden.

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