Kultur : Mir war das Schicksal glücklich gesonnen

JOHANNES KAISER

Der kirgisische Schriftsteller Tschingis AitmatowVON JOHANNES KAISER"Es war einmal wieder Sommerzeit.Wir brachen auf in die Berge - zum sommerlichen Nomadenlager.Wahrscheinlich war das einer der letzten großen Nomadenzüge in unserer Gegend.Das Nomadenleben neigte sich seinem Ende entgegen.Überall breitete sich die seßhafte Lebensweise aus.Da spielten die Jahreszeiten nicht die gleiche Rolle wie früher." Lebhaft erinnert sich der 1928 in dem kleinen Dorf Scheker geborene Tschingis Aitmatow in seinen jetzt erschienenen autobiographischen Geschichten "Kindheit in Kirgisien" an diese während der Sowjetzeiten untergegangene Epoche.Er hat ihr bereits in seinen Romanen ein Denkmal gesetzt, die Schönheit der grandiosen Landschaft besungen.Allerdings hätte er sich nie träumen lassen, daß die verschwundene Welt je wieder zum Leben erwacht.Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich der Lebensstandard des seßhaft gemachten Nomadenvolkes so verschlechtert, daß heute wieder Hirtenfamilien mit ihren Rundjurten auf die Sommerweiden in die Hochgebirgstäler ziehen.Die neue Armut zeichnet malerische Bilder.Hochaufgerichtet sitzen Reiter in silberbeschlagenen Sätteln auf grünen Hügelkuppen vor schneebedeckten Fünf- und Sechstausender, bewachen einige hundert Schafe, eine Handvoll Pferde.Ein imponierender Anblick für den Besucher aus dem Westen, für Tschingis Aitmatow "Ausdruck eines neuen Elends", denn viele kehren nicht freiwillig in die Berge zurück, die Arbeitslosigkeit in den Dörfern zwingt sie dazu. Bereits mit sieben Jahren verließ Tschingis Aitmatow die ferne mittelasiatische Provinz und die traditionelle Stammesgemeinschaft, um dem Vater nach Moskau zu folgen.Dorthin hatte ihn die Partei als eifrigen Propagandisten der neuen Ordnung zur Weiterschulung geschickt.Tschingis entdeckte Kino, Theater, Musik und lernte Russisch.1937 schickte sein Vater die Familie in weiser Vorahnung zur Verwandtschaft nach Kirgisien zurück, kurz bevor er verhaftet und umgebracht wurde.Auf dem Dorf überlebte die Familie unter großen Entbehrungen, versehen mit dem Stigma der politisch Verfemten.Um so größer der Stolz, als beim Kriegsanbruch der gerade 14jährige Tschingis, weil er lesen und schreiben gelernt hatte, zum Sekretär des Dorfsowjets ernannt wurde."Der Krieg hat ausnahmslos in das Schicksal aller Menschen eingegriffen.Er hat mich gezwungen, schneller erwachsen zu werden.Ich war verpflichtet, den Familien die Nachricht über die gefallenen Soldaten zu überbringen." Als Sekretär hatte der junge Tschingis zudem die Aufgabe des Steuereintreibers.Er mußte mit der Unnachgiebigkeit eines Erwachsenen von bereits in bitterster Armut lebenden Menschen die Kriegssteuer eintreiben."Das war furchtbar.Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie das Volk darbte, kurz vor dem Verhungern war." Man liest mit Staunen, geradezu Ungläubigkeit, welche Verantwortung auf den Schultern eines halben Kindes lastete.Ohne diese Erfahrungen wäre Aitmatow wahrscheinlich jener Tierarzt geblieben, zu dem man ihn nach Ende des Krieges ausbildete."Ich hatte damals so vieles erlebt, daß bei mir innerlich der Wunsch immer stärker wurde, das irgendwann einmal den Menschen zu erzählen.Ich mußte es einfach in Worte fassen.Meine erste literarische Sache hing denn auch mit meiner Arbeit zusammen: die Novelle `Auge um AugeÔ, das Schicksal eines Deserteurs und seiner Frau." Mit der kurzen Novelle handelte sich der Debütant viel Ärger ein, brachte er doch - für sowjetische Verhältnisse damals geradezu unerhört - für den Fahnenflüchtling Verständnis auf.Daß sein Roman überhaupt herauskam, verdankte Aitmatow der kurzen Tauwetterperiode unter Chruschtschow.Doch auch später paßte er sich nie an, erhob er immer wieder seine Stimme, zum Beispiel gegen die Umweltzerstörungen in Kirgisien.Dennoch bereut er nicht, zu Sowjetzeiten Schriftsteller gewesen zu sein."Im Gegenteil.Ich glaube, daß mir das Schicksal in dieser Hinsicht glücklich gesonnen war, denn für den Schriftsteller war es eine Ära, in der er arbeiten konnte.Man war ständig herausgefordert war, politische und ideelle Schwierigkeiten zu bewältigen.Solche Hindernisse gibt es jetzt nicht, und deshalb wissen manche nicht einmal mehr, worüber sie schreiben sollen." Aitmatow gehört nicht dazu." An Themen mangelt es mir nicht.Ich bräuchte nur die Zeit und Kraft, sie umzusetzen." Daran fehlt es, denn seit 1990 vertritt Aitmatow erst als Botschafter der Sowjetunion, dann Kyrgystans seine Heimat in Brüssel.Seine Erinnerungen sind deshalb keine echte Autobiographie, sondern Geschichten, die er dem deutschen Schriftsteller Friedrich Hitzer erzählte und anschließend redigierte.Damit kehrt der Schriftsteller gewissermaßen in die eigene Kindheit zurück, als er die Geschichten seines Volkes von Sängern hörte, die über die Dörfer zogen und die Heldentaten der Vorfahren priesen."Der Schriftsteller versucht die Seele der Menschen zu erreichen.Sie sollen ein Gefühl dafür bekommen, was ihnen widerfährt und wer sie sind." Tschingis Aitmatow liest aus seinen Erinnerungen heute um 11 Uhr im Haus der Wissenschaft und Kultur der Russischen Föderation.

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