Miranda Julys Interviewband "Es findet dich" : Der Luftgeist aus Los Angeles

Berühmt geworden ist Miranda July durch ihre versponnenen Filme und Erzählungen. Nun hat sie Gesprächsprotokolle mit echten Menschen veröffentlicht.

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Domingo schneidet gern Fotos aus Zeitschriften aus.
Domingo schneidet gern Fotos aus Zeitschriften aus.Foto: Diogenes Verlag

Manche Leute, die die seltsam verspielt-verpeilte Miranda July irgendwie mögen, obwohl ihnen die katzenkinderartig ineinander verknäulten Kurzgeschichten und Langfilme dieses fragilen Luftgeistes irgendwie unheimlich vorkommen, sind jetzt sehr, sehr erleichtert. Denn Miranda July, irgendwie zu leicht für diese Welt, hat ein welthaltiges, ja, durch und durch geerdetes Buch geschrieben.

Stimmt schon, irgendwie. Die ewige Mittdreißigerin, die in ihrer kalifornischen Arbeitswohnung eingestandenermaßen viel zu oft rumsurft im Internet, statt anständig realistische Romane zu schreiben, ist endlich mal rausgegangen vor die Tür. Zusammen mit einer Fotografin und einem unauffällig männlichen Aufpasser hat sie Feldforschung in der Nachbarschaft betrieben und Interviews mit echten Menschen geführt. Die transkribierten Gesprächsprotokolle hat sie mit insgesamt zweckdienlicher Zusatzprosa verbunden und in einem hübschen Paperbackband veröffentlicht.

„Es findet dich“ ist Miranda Julys erstes Buch seit ihrem Debüt von 2007, dem Geschichtenband „No one belongs here more than you“, dem der deutsche Verlag damals beherzt den rustikaleren Titel „Zehn Wahrheiten“ verpasst hat. „Es findet dich“ klingt allerdings höchst mirandajulisch flirrend – und stammt zudem aus einer Dialogzeile ihres Films „The Future“, in dem eine Sophie und ein Jason die mehrwöchige Wartezeit bis zum Erwerb einer hinfälligen Katze grandios enervierend vertun. „Ich warte, dass es mich findet“, sagt Jason. „Ich muss einfach nur aufpassen und darauf hören.“

Was Miranda July diesmal gefunden hat, heißt „Penny Saver“, ein Anzeigenblatt, das den Bewohnern von Los Angeles wöchentlich gratis per Post zugeht. Sie liest dort von Leuten, die Lederjacken für zehn Dollar, Kaulquappen für zwei Dollar fünfzig oder auch wiederverwendbare Weihnachtskarten für einen Dollar anbieten. Und weil die Arbeit am „The Future“-Drehbuch und erst recht die Finanzierung des Films gerade stocken, ruft sie diese Inserenten einfach an. Gleich kaufen aber will sie nicht. Lieber bietet sie fünfzig Dollar dafür, dass die Leute ihr aus ihrem Leben erzählen. Zehn solcher Besuche hat sie in dem Buch versammelt, und wer Romanciers vorwiegend als Rechercheure schätzt, mag darin zehn handfeste Wahrheiten über verdammt handfeste Leute finden.

Da ist Michael, der sich mit Ende 60 um seinen Lebenstraum Geschlechtsumwandlung kümmert. Da ist Primila, die Saris verhökert, um mit dem Erlös Motorpumpen für dörfliche Bewässerungssysteme in ihrer alten Heimat Indien zu finanzieren. Oder auch Pam, die aus einer Art Allermenschenmitleid Fotoalben fremder Verstorbener gesammelt hat und sich nun selber nicht entschließen kann, die Dinger einfach wegzuwerfen. Oder Domingo, der massenweise aus Zeitungen ausgeschnittene Baby-, Model- und Gefängnisfotos in sorgfältig beschrifteten Briefumschlägen hortet. Ihnen allen nähert sich die Interviewerin, die in den Dialog-Skripten schlicht Miranda heißt, ohne festes Konzept. Gern fragt sie, wenn das Gespräch zu versiegen droht: „Und was war die glücklichste Zeit in Ihrem Leben?“

Gewissenhaft unterzieht sich die Autorin ihrer selbstgestellten Aufgabe, und tatsächlich mag vor dem Auge des Lesers alsbald ein packendes Soziogramm überwiegend randständig siedelnder Leute aufscheinen. Deren Exotendasein, um nicht zu sagen: freakhafte Existenz verdankt sich auch der Tatsache, dass sie ohne Computer leben – sonst würden sie, wie July zu Recht feststellt, ihre Fotos von Leopardenbabys oder 67-teiligen Hobby-Malsets längst bei Craigslist oder sonstwo hochladen.

Tatsächlich aber verwandeln sich diese Offline-Figuren, diese seltsamen und oft seltsam unförmigen 3-D-Analogmenschen unversehens in typisches MirandaJuly-Personal, also in jene Sonderlinge, die in der unverwechselbaren Fantasiewelt der Autorin herumgeistern. Kein Zufall auch, dass Interviewpartner Nummer zehn, der seit 62 Jahren seiner Frau zu allerlei festlichen Anlässen pornografische Limericks dichtet, dann auch in Julys Film „The Future“ eine hübsche Rolle bekommt. Überall, mitten in scheinbar krudester Tatsächlichkeit, öffnen sich hier Schleusen in die Fiktion. Zu schweigen von verführerisch beiläufigen Sätzen, in denen Miranda July Anlauf nimmt in ihren nächsten oder übernächsten Traum. Wie sie klingen? Wo sie stehen? Sie finden einen schon.

Miranda July. Es findet dich. Aus dem Amerikanischen von Clara Drechsler und Harald Hollmann. Mit Fotos von Brigitte Sire. Diogenes Verlag Zürich. 220 Seiten, 22, 90 €.

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