Mireille Mathieu in Berlin : Und ewig ist l’amour

Die französische Sängerin Mireille Mathieu feiert im Berliner Friedrichstadt-Palast ihr 50. Bühnenjubiläum - und tänzelt dabei zwischen Chanson und Schlager.

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Ungebremste Stimmkraft. Mireille Mathieu im Friedrichstadt-Palast.
Ungebremste Stimmkraft. Mireille Mathieu im Friedrichstadt-Palast.Foto: Eventpress Hoensch

Tja, so ändern sich die Zeiten. Vor 50 Jahren noch, da hatte Mireille Mathieu alles getan, um ihre schwerste Bürde loszuwerden: Die neue Piaf sollte sie sein, der Spatz von Avignon, die nächste Chanson-Sensation. Sie konnte es bald nicht mehr hören. Und nun steht sie da, geblendet vom viel zu grellen Scheinwerfer des Friedrichstadt-Palastes und singt, zum Abschluss ihres eigenen Jubiläumskonzerts, ausgerechnet Piafs größten Hit: „Nooon, rien de rien, nooon, je ne regrette rien.“ Doch das spielt hier, an diesem Abend nun wirklich keine Rolle mehr. Die Piaf ist lange tot, Mireille Mathieu lebt. Und wie!

1966 erstes Deutschland-Konzert

Könnte es einen würdigeren Ort geben für dieses Festkonzert? Hier im Friedrichstadt-Palast, wo die ungeduldige Meute um Punkt 20 Uhr rhythmisch zu klatschen beginnt und „Mireille, Mireille“ skandiert. Seit 50 Jahren steht diese zierliche Person mit dem immergleichen Bubikopf auf den Bühnen der Welt, als hätte sie ein Leben lang dieselbe Perücke getragen. Fast genauso lange ist es her, dass sie hier zum ersten Mal gesungen hat: 1966 gab sie ihr erstes Deutschland- Konzert im Friedrichstadt-Palast.
Der Beginn einer grand amour, in Ost wie West. „Wenn man die Augen zumacht, glaubt man, man hört die mächtige Stimme der Édith Piaf, den unvergessenen ,Spatz von Paris’“, schrieb der Tagesspiegel im selben Jahr über die neue Chansonnière. „Macht man sie auf, ist man beinahe erschrocken: ein Spätzchen mit gerupften Federn, viel zu früh aus dem Nest gefallen, ein Viertel-Portiönchen, ein Schulmädchen mit ungelenken Bewegungen.“

Ihr Deutsch war mal flüssiger

Was soll man sagen. Hat sich ganz gut gemacht, die Kleine. Obwohl: Klein ist sie ja immer noch, und zierlich, wie sie da mit ihrem schwarzen Spitzenkleid, knallrotem Lippenstift und Pumps auf die Bühne humpelt. Das Laufen fällt ihr sichtlich schwer, doch das ist hier schließlich nicht die Hauptaufgabe. „Ich freue mich, in Berlin zu sein, um mein Jubiläum mit euch zu feiern“, ruft sie, und der ausverkaufte Saal steht, bevor die erste Note gesungen ist.

Es werden an diesem Abend fast die einzigen Worte sein, die sie ans Publikum richtet, was daran liegen mag, dass ihr Deutsch ein wenig verrostet scheint. Früher, als sie mit Harald Juhnke und Michael Schanze durch die Sender charmierte, klang das schon mal flüssiger. Doch auch da wirkt es im Rückblick so, als habe jemand sehr genau am Gesamtkunstwerk Mireille Mathieu gefeilt. Sie kann eben genau so viel Deutsch, wie es braucht für Lieder wie „Meine Rose“ „Ganz Paris ist ein Theater“. Spärlich mehr als Englisch, Italienisch, Spanisch, Russisch und Japanisch – was sie in einem kurzen Medley mit Piano im zweiten Teil präsentiert.

Wichtiger sind ohnehin die großen Gesten auf dieser Showbühne, die ihren Namen noch verdient, wo die Musiker in sanftes Lila getaucht sind, nur durch den grellen Einzel-Spot oder ein paar gelbe Strahler gebrochen. Natürlich hat ihr Mikrofon ein langes Kabel, nach dem sie immer wieder greift, als suche sie Halt. Sie versteht es, den Charme der 60er Jahre wiederherzustellen, und viele im Publikum waren wohl schon damals dabei. Kaum ein Smartphone hält das Geschehen fest, das Macbook des Akkordeonspielers wirkt wie das deplatzierte Requisit aus einem Science-Fiction-Film.

Noch immer viel Kraft in der Stimme

Wenn auch der Rücken langsam schlapp macht – die Frau wird nächstes Jahr 70 – so hat ihre Stimme nichts von ihrer Kraft verloren. Nur die ganz hohen Töne fallen immer schwerer, sie löst es mit eleganten Decrescendi. Am stärksten ist sie in den ruhigen Momenten, wenn die meisten der 14 Musiker pausieren, wenn sie bei „Je t’aime avec ma peau“ rasant wie Brel artikuliert, bei „Un dernier mot d’amour“ das R wie Piaf so ausschweifend rollen lässt, dass der Pianist warten muss.

Der Grat zwischen Chanson und Schlager ist schmal, und Mireille Mathieu versteht es wie keine Zweite, darauf zu tanzen. Als das Schlagzeug wieder einsetzt, klatschen die Zuschauer routiniert durch, dann endlich: „Hinter den Kulissen von Paris“, da erreicht das Begeisterungslevel fast Bierzelt-Niveau. Wenn die Gesten auf der Bühne oft ein wenig zu groß wirken, die Emotionen einstudiert, so sind sie im Publikum umso echter. Bestimmt 500 Rosen, rote, weiße, rosafarbene, Bouquets, Geschenktüten, schleppt Mathieus Assistent im Laufe des Abends von der Bühne.

Sie selbst aber wirkt seltsam unbeeindruckt. Und bringt dennoch ihre Musiker ordentlich ins Schwitzen, als sie vom Assistenten ein drittes Mal zur Zugabe hinausgeführt wird, darauf waren sie offenbar nicht vorbereitet. Dann eben noch einmal: Und ewig fließt die Seine / Und ewig ist l’amour / So wird es immer bleiben / tagein, tagaus, toujours.

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