Kultur : Mischbrot mit Peitsche

Jonathan Horowitz verstörende Installation „Silent Movie“ in der Berliner Galerie Barbara Weiss

Peter Herbstreuth

Ein Teil der Kunst reiht sich in die englische Tradition von conversation pieces. Damit werden Objekte benannt, die man zu Hause aufstellt, um sie bei Gelegenheit vorzuführen und eine Geschichte zu erzählen. Conversation pieces sind häusliche Fantasie- und Gedächtnisorte. Auch die Werke von Jonathan Horowitz folgen dieser Tradition. Doch erzählt er nicht mit Objekten, sondern mit Filmzitaten. So entstehen kleine TV-Mythen. Denn Horowitz präsentiert die Anekdoten so, dass seine Deutung weitere Deutungen provoziert. Er selbst weiß keinen Rat. Hinter den Filmmontagen stehen große Fragezeichen. Darin liegt sein Erfolg.

Jonathan Horowitz kooperiert mit den besten Galerien: Nach Ausstellungen bei Green Naftali in New York, Yvon Lambert in Paris, Sadie Coles in London zeigt der 1966 geborene Amerikaner jetzt bei Barbara Weiss in Berlin den zehn minütigen Video-Loop „Silent Movie“ (40000 Dollar). Er wird von einem präparierten Klavier mit Versionen der 1975 erschienen Rock-Oper „Tommy“ begleitet. Tommy ist durch ein Trauma stumm und taub. Eine Frau wirf ihn aus dem Fenster. Der Schock heilt ihn. Er fliegt rückwärts durch die Scheibe in die Zukunft, lässt nur Scherben und eine von sich selbst entsetzte Frau zurück, bevor er die Hymne an die Freiheit der ersten Punk-Band der Welt anstimmt. Kaum bei Sinnen, schon lässt er es krachen.

Auch die Esther aus dem Film „Esther Costello“ ist taub und stumm. Auch sie findet durch Gewalt ihre Sinne wieder. Gewalt wird durch Gegengewalt heilsam. Daraus entspringt Basismaterial für machtpolitische Diskurse. Die Mutter brüllt ihre taubstumme Esther an. Sie will den Mund nicht öffnen. Sie will nicht essen, nicht trinken, nicht gehorchen. Die Mutter versucht dem Kind den Löffel in den Mund zu zwängen. Das Kind presst die Lippen aufeinander. Sie reißt ihm den Kopf hoch und zerrt seine Zähne auseinander. Das Kind wehrt sich. Die Mutter holt einen Eimer Wasser und gießt ihn über das Kind. Reiches Material für psychoanalytische Deutungen. Die Kamera agiert als dritter Mann. Sie zeigt in Nahaufnahme die aufgerissenen Augen, die Zudringlichkeit, die Verzweiflung und die Überwältigung. Abrupt schneidet Horowitz eine Kuss-Szene zwischen Ess-, Lust- und Gehorsamsverweigerung. Eine Frau will sich nicht küssen lassen. Sie presst die Lippen aufeinander. Der Mann krallt seine Hände in ihre Wangen. Die Frau wehrt sich und so weiter und so fort. Weiteres Material für Fragen nach den Grenzen von Analogien.

Die Präsentation ist kein Zuckertörtchen, sondern Mischbrot mit Peitsche. Es gab Momente, da mochte der Rezensent nicht mehr folgen. Die Penetranz der Gewaltszenen geriet ins Unerträgliche. Sie wurde zudem durch das Klavier mit expressivem Fortissimo pathetisch übersteigert. Doch wer die Zehnminutentortur durchsteht, schaut den Film gleich noch einmal an. Dann hält er für manche die Entdeckung bereit, von solcherlei Ungeheuerlichkeiten verschont geblieben zu sein. Weiteres Material für Kompensationstheorien.

Die Clips lassen offen, ob die Zitate autoritativ, ironisch oder parodierend gemeint sind. Darin liegt das Beste der Arbeit: dass sie den Zweifel über das Sichtbare säen, nach Erklärung verlangen und Selbstvergewisserung boykottieren. Horowitz spielt den Advocatus Diaboli und lässt das Häusliche unheimlich werden. Sein Atelier ist die amerikanische Fernsehwelt, und wenn er Geschichten davon erzählt, vergeht einem Hören und Sehen.

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88–91; bis 11. September, Dienstag bis Sonnabend 12 bis 18 Uhr.

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