Missbrauch-Doku : Schweigen in Hölleland

Jahrelang wurde Michael Stock von seinem Vater missbraucht. In seinem Dokumentarfilm „Postcard to Daddy“ lässt er seine Familie zu Wort kommen. Ein Treffen mit dem Regisseur.

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Kein Hass. Michael Stock hat einen berührenden Film über sein Leben gedreht. -Foto: Berlinale

Wir suchen einen ruhigen Platz im Berlinale-Wirbel. Es ist sehr persönlich, worüber wir sprechen wollen, nichts für benachbarte Caféhaustischohren. Aber was heißt hier „persönlich“? Was an Michael Stocks Geschichte, ja, an der Geschichte seiner Familie ist noch persönlich, jetzt wo der Film da ist? Der Regisseur lächelt. Es ist ein einverstandenes, fast befreites Lächeln.

Michael Stocks Augen liegen sehr tief, er hält sie fast überoffen, ihr Blick ist stechend und sanft zugleich. Schwer, sich Hass in ihnen vorzustellen. Ein Tisch am Fenster. „Über zwanzig Jahre wollte ich diesen Film schon machen“, sagt Stock, „aber er sollte ganz anders werden, mit viel mehr Distanz, ein Spielfilm.“ Als Autor und Regisseur sah er sich selbst. Eigentlich hatte Michael Stock Schauspieler werden wollen, bis ihm Rosa von Praunheim Anfang der Neunziger eine Kamera als Lebensempfehlung in die Hand gab.

Die Drehbuchfassungen änderten sich, doch die Geschichte blieb immer dieselbe. Als er acht Jahre alt war, wurde Michael Stock zum ersten Mal von seinem Vater missbraucht, mit 16 zum letzten Mal. Vor der Aussicht, plötzlich mehrere Wochen mit ihm allein verbringen zu müssen, stieg Panik in ihm auf, und Michael schlug zu. Eine Vater-Sohn-Prügelei wurde zum Ende eines achtjährigen Sichvergehens des Vaters am eigenen Sohn.

Michael Stock hat dieser Tage die regelmäßig wiederkehrende Frage beantwortet: Warum hat nie jemand was gemerkt? Warum nicht die Mutter? Und warum habe er sich niemandem anvertraut? – „Hab ich“, antwortet er, „einer Lehrerin. Die wirkte so lebens- und leidensgeprüft, dass ich hoffte, sie würde mich verstehen. Ich erzählte ihr alles, und als ich fertig war, sagte sie: „Spiel Flöte, Michael!“

Es würde ihm leid tun, wenn seine Mutter jetzt beargwöhnt würde. Die Gewissheiten der Nichtbetroffenen lauten: Eine Mutter merkt so etwas! – Michael Stock: „Sie hat nichts gemerkt, ich weiß es genau, ich selbst habe doch alles dafür getan.“ Das führte zu so traurig-grotesken Szenen wie der, dass der Sohn eine Nacht unter dem Ehebett der Eltern verbrachte.

Michael wusste zu gut, dass die Sehnsucht seiner Mutter einer heilen Familie galt, einer Familie, wie sie selbst sie nie hatte. Darum ertrug sie, dass ihr Mann trank, dass er fremdging. Dass dieser Mann Interesse an einem kleinen Jungen, und auch noch dem eigenen haben könne, schien absurd.

Mit einer Geschichte, die einem sowieso keiner glaubt, ist man besonders allein. „Und mit der Schuld und Scham“, sagt Michael Stock leise, „Ich wusste nicht, dass ich das Opfer bin. Mein Vater stand jedes Mal sofort danach auf und verließ mein Zimmer, ich sah, dass er sich schämte, und dachte, es liegt an mir.“ Als die anderen begannen, Freundinnen zu haben, sah er zu. Undenkbar, sich einem Mädchen zu nähern. Er kam sich schmutzig und verworfen vor.

Was macht man nach einer solchen Kindheit, nach einer solchen Jugend? Vielleicht geht man, wie Michael Stock, keiner Sucht aus dem Wege, sucht immer neue Möglichkeiten, sich zu entkommen.

Er ist jetzt 41, HIV-positiv, hat mehrere Chemotherapien hinter sich und einen Schlaganfall. „Ich bin Rentner mit Anfang 40“, resümiert er mit bitterem Lächeln. Man sieht in dieses sensible, vor der Zeit gealterte Gesicht – ein zerstörtes Leben. Und doch würde er nie dem Vater sein Leben vor die Füße werfen und sagen: Das ist alles deine Schuld! – Er will Versöhnung.

1987 kam Michael Stock aus dem Schwarzwald nach Berlin, traf bald Rosa von Praunheim und drehte mit anderen den unerwartet erfolgreichen Szenefilm „Prinz in Hölleland“, danach bekam er Drehbuchförderung, aber nie wollte ein Sender den Film machen. „Die Aussöhnung“ hieß eine Drehbuchfassung, und ein Fernsehdirektor erklärte Michael Stock, er fände diesen Schluss noch ekelhafter als den Missbrauch selbst.

Und hatte der Fernsehdirektor nicht irgendwie recht? Mitte der Neunziger, als der Spielfilm ganz nah schien, kam Michaels Vater nach Berlin. Aussprache mit dem Sohn. Michaels französischer Freund Rémy war dabei, der sich ein solches Gespräch mit dem eigenen Vater immer gewünscht hätte, für den ein homosexueller Sohn schlicht nicht existierte. Und dann sah dieser Rémy den fremden Vater irgendwann betrunken vom Barhocker rutschen. Das war sie also, die große Versöhnung? Mit dieser Banalität der Enttäuschung hatte der Freund nicht gerechnet. Er nahm sich kurz darauf das Leben. Vielleicht war das die Zeit, in der Michael Stock seinen Vater wirklich gehasst hat. Er wollte ihn nicht mehr wiedersehen.

„Bis ich den Schlaganfall bekam. Und hörte, er hatte auch einen, fast zur gleichen Zeit, sehr schwer.“ Wann, wenn nicht jetzt? Noch während der Rehabilitation besorgte er sich eine Kamera. Er fuhr mit seiner Mutter nach Thailand, sprach mit ihr, vor der Kamera. Als sie zurückkamen, redete er mit seinen Geschwistern. Eine Postkarte sollte es werden, eine Videobotschaft an den Vater.

Stock rechnete mit der Auskunft „Annahme verweigert“, aber es kam anders, und so ist in der allerletzten Szene von „Postcard to Daddy“ der Vater zu sehen. Hinter diesem Schluss steht keine Vorsätzlichkeit, und doch hätte man den Film besser nicht bauen können.

Roland Stock sitzt in seinem Rollstuhl und antwortet auf die drängenden Fragen des Sohnes: „Mein Gott, ich habe einfach ein dickeres Fell!“ Ein Mann älteren Typs also, der sich sein Leben lang nahm, was er wollte. Und was ist schon Sex? Die Lust eines Augenblicks, eine physische Verrichtung. Wahrscheinlich wäre Roland Stock erstaunt zu erfahren, dass Kindesmissbrauch fast so geächtet ist wie Kindesmord. Er würde es wohl diesen verweichlichten Zeiten zuschreiben. Wahrscheinlich versteht er nicht einmal, welches Geschenk sein Sohn ihm gemacht hat mit seiner Weigerung, ihn zu hassen.

Heute 17.30 Uhr (Cubix 7), 18. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1)

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