Kultur : Missbrauch von Kindern: Das Ende der Herrschaft der Lüge

Simone Leinkauf

Sexueller Missbrauch an Frauen und Mädchen - ein Verbrechen im Verborgenen, ein Tabuthema biblischen Alters. Trotz moderner Aufklärung scheuen sich viele Betroffenen nach wie vor, Täter zu nennen. Vor allem bei Missbrauch innerhalb der Familie.

Das erlebt Pia, als sie gegen ihren Willen ihre Ferien bei der ungeliebten Cousine Natte und deren Familie verbringt. Einzig der charmante Stiefvater Werner wendet sich der 15-Jährigen mit Verständnis zu. Als eines Tages der angeheiratete Onkel zudringlich wird, beginnt Pia zu ahnen, dass hinter der Fassade der bürgerlichen Familie für Natte das Grauen alltäglich ist.

Indem Pia die Missbrauchs-Konstellation aufdeckt, - der Stiefvater Werner hat die Mutter vor allem geheiratet, um an die Tochter heranzukommen - entwickelt sie Engagement für Natte und hilft ihr, sich aus der Bedrängnis zu befreien. So gelingt es Natte, aus einem Teufelskreis auszubrechen: Zwischen dem manipulativ erzeugten Hochgefühl begehrt zu werden, und dem Schmerz und der Scham. Patricia Schröder zeigt in "Regenbogenfüße" die Verzweiflung und Hilflosigkeit, aber auch einen möglichen Ausweg aus der für alle Beteiligten unerträglichen Situation, die von der Lüge beherrscht wird. Und sie macht deutlich, dass nur der Abschied von der Illusion einer heilen Familie den Start in ein neues Leben ebnen kann.

Ein Weg, den auch Heidi Hassenmüller in ihrem vor elf Jahren erstmals erschienenen und mit dem "Buxtehuder Bullen" ausgezeichneten Buch "Gute Nacht, Zuckerpüppchen" beschreibt. Der Ellermann Verlag bringt die ausgezeichnete Erzählung in neuer Aufmachung heraus. Das kleine Mädchen Gaby ist begeistert von dem neuen Vater, bis dieser die Abwesenheit der Mutter erstmals ausnutzt, um sich an dem Kind zu vergreifen. Jahre später, in der Pubertät, wird Gaby zur "Geliebten" des Vaters und all ihre Hilferufe verhallen.

Weil die Geschichte in den 50er Jahren angesiedelt ist, in denen Missbrauch in der Familie noch kein öffentliches Thema war, gelingt es Gaby erst als junge Frau und gegen den Widerstand ihrer Umgebung, sich den Händen des Stiefvaters zu entziehen. Ein schmerzhafter und realistischer, ungemein bedrückender Jugendroman, der auch für Erwachsene lesenswert ist.

Einen ganz anderen Weg beschreitet Rudolf Herfurtner in seinem Kinderkrimi "Milo und die Jagd nach dem grünhaarigen Mädchen". Auch hier geht es um Missbrauch. Eine Bande entführt in großem Stil Kinder, um sie perversen, gut zahlenden Mitbürgern zur Verfügung zu stellen. Doch das weiß Milo nicht, als er auf der Straße zufällig Zeuge wird, wie dunkel gekleidete Männer ein Mädchen in ihr Auto zerren. Milo begibt sich auf die Suche nach der Entführten, begegnet mitten in der Stadt einem Wolf und deckt ein grauenhaftes Komplott auf.

Der Krimi lebt von der Spannung - und den märchenhaften Elementen, die trotz der unglaublichen Ereignisse die Geschichte erträglich machen. Eine Erzählung, in der neben dem Verbrechen, der Mut der Kinder, ihre Freundschaft und Liebe im Mittelpunkt stehen.

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