Kultur : Mission unmöglich

WOLF KAMPMANN

Es gibt keinen anderen Pianisten, der barocke Momente so minimalistisch gestalten kann wie Chick Corea.Das Verhältnis der amerikanischen Jazz-Legende zu Deutschland war in den letzten Jahren ein wenig gestört.Seit der baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel ihn vor einigen Jahren wegen seiner Mitgliedschaft in der Scientology-Sekte bannte, wagte sich kaum ein Veranstalter, den begnadeten Pianisten, der im übrigen niemals missionarisch aufgetreten war, auf eine deutsche Bühne zu holen.So war es nun der amerikanischen Botschaft vorbehalten, Corea innerhalb einer ausgedehnten Europa-Tour mit Band in den Tränenpalast einzuladen.Chick Corea betrat sichtlich gelöst die Bühne."Ich bin denkbar wenig vorbereitet", entschuldigte er sich zu Beginn des ersten Sets.Doch wozu braucht er Vorbereitung? Er gehört zu jenen raren Improvisatoren, die jeden Ton präzise dort plazieren, wo er hingehört.Eigene Kompositionen mischte der Kalifornier mit Stücken von Bud Powell, Duke Ellington und Thelonious Monk, spazierte durch die Jazz-Geschichte, um im nächsten Moment in die E-Musik-Kiste zu greifen, seine "Songs For Children" zu intonieren oder sich in einer völlig freien Improvisation zu ergehen.So beschwingt der erste Set klang, so peinlich wurde der zweite.Corea rief seine "friends" auf die Bühne.Zuerst seine Ehefrau, die einst geniale Vokalistin Gayle Moran, die heute jedoch nicht mehr annähernd die Ausstrahlung einstiger Mahavishnu-Tage erreicht, danach den Operettensänger Marc Janicello, der sich selbst vorstellte, indem er sein Äußeres mit Elvis verglich, den er wenige Monate zuvor mimen durfte.Die eine konnte nicht singen, brachte aber das richtige Feeling mit, der andere traf den Ton, lag aber atmosphärisch meilenweit neben dem Pianisten.Das Gruselett erreichte seinen Höhepunkt, als alle drei gemeinsam Gershwins "Summertime" exekutierten.Zum Glück für alle ließ sich Corea noch zu zwei Zugaben herausklatschen, die er den laut skandierten Forderungen des Publikums entsprechend solo absolvierte.

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