Kultur : Mit aller Macht

Joachim Radkau läutet die Ära der Ökologie ein – in Deutschland hat sie bereits begonnen

Thomas Speckmann

Die Deutschen wollen keine Kernenergie mehr – aber auch keine höheren Energiekosten durch die Umstellung auf erneuerbare Energien. Die Deutschen wollen den Benzinverbrauch senken – aber keinen Biosprit tanken. Die Deutschen wollen Heizkosten sparen – aber zögern bei der energetischen Modernisierung ihrer Häuser. Wie ist das zu erklären? Wenn es jemand kann, dann Joachim Radkau. Spätestens seit seiner im Jahr 2000 erschienenen Weltgeschichte der Umwelt („Natur und Macht“) gilt der Historiker als einer der profiliertesten Experten für geschichtliche Belange in Sachen Umwelt und Naturschutz.

Für Radkau ist die Geschichte der Öko- Ära nicht nur die Geschichte einer neuen Aufklärung, nicht nur eine Wissens-, sondern auch eine Vergessensgeschichte. Viele Namen, die einst eine Zeit lang die Zukunft zu verkörpern schienen, seien heute selbst innerhalb der Öko-Szene unbekannt und zahllose Bücher, die für kurze Zeit die Menschen bewegten, längst im Ramsch gelandet. Den „charismatischen Momenten der Erleuchtung“ sei eine nicht endende Flut von Umweltverordnungen gefolgt, die nicht einmal mehr Experten für Umweltrecht überblickten. Und – was auch das heutige widersprüchliche Verhalten der Deutschen erklärt: Die „sanften“, „alternativen“ Energien hätten lieblich geklungen, solange sie Zukunftsmusik waren. Doch nun seien nicht wenige Naturfreunde im Anblick der Windparks verstört.

Mit Blick auf die gegenwärtige Entwicklung verweist Radkau auf Adorno und Horkheimer. Sie hatten in der „Dialektik der Aufklärung“ bereits 1947 beschrieben, wie sich die zur Herrschaft gelangte Aufklärung selber in die Mechanismen der Macht verstrickt, ihre eigene Art von Intoleranz erzeugt und ihr ehedem höchstes Ideal, die Vernunft, zum Herrschaftsinstrument macht. So bringt die zur Herrschaft gelangte Aufklärung nicht nur ihre eigenen Mythen hervor, sondern versieht sie mit der Autorität der Wahrheit. Diese „Dialektik der Aufklärung“ wird heute fortgeschrieben: Die Umweltbewegung – auch hierin eine „neue Aufklärung“ – hat an eben diesem wundesten Punkt der alten Aufklärung angesetzt.

Max Weber, dem Radkau 2005 eine viel beachtete Biografie gewidmet hat, beschrieb die Modernisierung als einen Prozess der Entzauberung – mit einem Unterton von Trauer, aus dem sich heraushören ließ, dass diese Ernüchterung eine Sehnsucht nach Wiederverzauberung hervorrufen kann. Diesen Prozess der Entzauberung hat die Umweltbewegung fortgesetzt, indem sie auch den Mythos des Fortschritts – den in Radkaus Augen machtvollsten Mythos der Aufklärung – entzaubert hat. Zugleich jedoch enthalte der in die Offensive gegangene Naturschutz, der allenthalben eine schutzbedürftige Artenvielfalt entdecke, einen grandiosen Entwurf der Wiederverzauberung der Welt, der sich in der Bilderpracht zahlloser Natur-Publikationen spiegele. Mit dem Kult der Biodiversität wird nach Radkaus treffender Analyse gewissermaßen auch der magische Zauber in die Natur zurückgeholt, ist aber parallel ein Instrument der Macht.

Auch die globale Rhetorik, die die „ökologische Revolution“ von Beginn an kennzeichnet, nennt Radkau einen untergründigen Machttraum. Dieser blieb zwar in den ersten beiden Jahrzehnten der Öko- Ära mehr oder weniger latent, aber seit der zweiten großen Öko-Konjunktur um 1990 ist er offener zutage getreten, am stärksten in dem Projekt eines globalen Klimaregimes. Hierbei denkt Radkau auch an die Chancen, die der globale Umweltschutz für die Legitimation von Herrschaft bietet, und findet es bemerkenswert, wie wenig diese Chancen bislang trotz aller Umweltgipfel wahrgenommen worden sind. Nicht nur seine Erklärung für dieses Phänomen: das Fehlen eines passenden Akteurs – einer Weltregierung, die imstande wäre, diese Potenziale auszuschöpfen. Ob allerdings, wie Radkau glaubt, die Gegenkräfte zudem weiterhin übermächtig sind und das fortgesetzte Wirtschaftswachstum weltweit noch immer attraktivere machtpolitische Chancen als der Umweltschutz bietet, muss nach der radikalen Energiewende des Industrielandes Deutschland zumindest angezweifelt werden.









Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. C. H. Beck Verlag, München 2011.

782 Seiten, 29,95 Euro.

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