Kultur : Mit Anlauf

KLASSIK (1)

Helge Rehders

Die Zutaten zum Tag-der-deutschen-Einheit-Konzert in der Philharmonie waren gut gewählt: deutsches Repertoire, deutsches Paradeorchester, deutscher Kapellmeister. Wolfgang Sawallisch dirigierte (zum 80. Geburtstag und zur Verleihung der Hans-vonBülow-Medaille anlässlich seines 50. Jahrs mit dem Orchester) die Berliner Philharmoniker mit Beethoven und Schumann – gewürzt mit einer Prise Italien: Am Flügel saß Maurizio Pollini .

Dabei erklingt Schumanns mendelssohneske Quasi-Sinfonie – Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52 – solide, aber wenig inspiriert. Leider verpufft auch der Höhepunkt des Abends: Auf Pollinis Deutung des letzten Beethoven-Klavierkonzerts (auch das eine getarnte Sinfonie mit halsbrecherischer Klavierbegleitung) war man gespannt, weil sich dessen Interpretation unter Stabführung seines Landsmanns Abbado einst als musikalisches Gipfeltreffen erwiesen hatte. An diesem Abend allerdings kann der energiegeladene Südländer gegen Sawallischs altdeutsch schäumendes Klangbad nichts ausrichten. Erst im strahlend heroischen dritten Satz finden die unterschiedlichen Temperamente zu einer vorsichtigen Annäherung – ein unfreiwilliger Kommentar zum Festtag.

Erst in Robert Schumanns vierter Sinfonie lässt Sawallisch seinen gerühmten Formsinn walten. Nicht einer der unzähligen überraschenden Effekte, der nicht klug disponiert wäre. Nun ist es vorbei mit den bescheidenen Gesten am Pult: Mit sicherem Instinkt steuert Sawallisch zwischen eruptiv-stürmischen Klangstrudeln und elegisch-zarten Wasserrosenidyllen hindurch. Hier endlich wird dem Anlass gerecht musiziert: gründlich, im Ausdruck einheitlich und mit hoffnungsvollem Ausgang.

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