Kultur : Mit Brigitte Chevaliers Buch "Effektiver lernen" schneller durch die Bücherberge

Karsten Leckebusch

Jeder von uns glaubt, lesen zu können. Wirklich? Wie lange hat unser 1,7 Kilogramm schweres Gehirn wirklich gebraucht für die 17 Tonnen Papier, die bis Ende des letzten Semesters hätten bewältigt sein sollen? Hier setzt Brigitte Chevaliers Methode in ihrem Buch "Effektiver lernen" an: Durch schnelleres Lesen auch von komplizierten Texten vermeiden wir Frustration und Angst vor dem Bücherberg.

Man sollte keine Wunder erwarten von diesem Buch. Lesen lernen ist ein mühsamer Prozess, der viel Übung erfordert. Um eine Lesegeschwindigkeit von 900 Wörtern in der Minute zu erreichen, ist viel Arbeitsdisziplin notwendig. Deshalb widmet Chevalier das erste Drittel ihres Buches dem Überfliegen, Quer- und Schnelllesen. Aber: Ist Lesen gleich Lernen? Die Autorin verneint das. Mit effizientem Lesen erfassen und strukturieren wir zunächst nur den benötigten Stoffberg. Das reicht aber noch lange nicht, um zu dem gewünschten Ziel einer guten Hausarbeit, einer gelungenen Klausur oder einer bestandenen Prüfung zu gelangen.

Denn bevor wir uns in die Materie stürzen, müssen wir sondieren, was wir brauchen. Das Buch ist auch hier ein wertvoller Helfer. Chevalier stellt bewährte Recherchetechniken dar, mahnt Besonnenheit und Ruhe bei der Auswahl der Literatur an. Sich auf das erstbeste Buch zu stürzen, ist für sie ein Anfängerfehler.

Training statt Selbsthypnose

Welche Techniken schlägt die Autorin vor? Man erinnert sich an die Mitte der achtziger Jahre auf den Markt geworfene Super-Learning-Methode, bei der mittels Selbsthypnose die Blockade zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis aufgehoben werden sollte. Dann sollte Ethno-Musik auf Kassetten die Konzentrationsfähigkeit erhöhen. Chevalier steht diesen Techniken skeptisch gegenüber: Effektiv lernen gehe nur mit viel Training und Selbstdisziplin.

Chevalier setzt auf die klassischen Techniken, etwa beim Erfassen von Vorlesungen. Ihre Übungsaufgabe: Ich lasse mir eine Mustervorlesung aus dem Buch vorlesen und versuche, sie zusammenzufassen. Das Ergebnis lässt sich einfach bewerten. Wie viele Füllwörter habe ich benutzt, sind sämtliche zentrale Aussagen erfasst? Bei sehr vorlesungslastigen Studiengängen kann diese Unterstützung sinnvoll sein. Aber: Wer dies einige Male "live" im Hörsaal trainiert, erzielt vermutlich den gleichen Effekt.

Am Ende jedes Kapitels fasst Chevalier ihre Erkenntnis in einer Mind-Map zusammen. Die Mind-Map ist eine grafische Darstellung von Analysen und Zusammenhängen. Um das per Kästchen in der Mitte des Papiers platzierte Hauptthema (zum Beispiel "Informationsflut") werden mit Strichen und Mengenelementen Haupt- und Nebengedanken angeordnet, die ein Thema erschließen. Richtig angewandt soll es die Kreativität und das Gedächtnis fördern. Ob dem tatsächlich so ist, sei dahingestellt und ist unter Fachleuten umstritten.

Chevaliers Methoden sind eingängig und nachvollziehbar, der Ratgeber ist sehr übersichtlich gegliedert, sinnvoll strukturiert, knapp und verständlich geschrieben. Für den Examensarbeiter ist es dennoch nur bedingt geeignet. Prüfungstipps und Hausarbeitstechniken widmet sie nur wenig Platz. Für ganz Eilige, die zwei Wochen vor der mündlichen Prüfung ihre Lerntechnik polieren wollen, ist der Ratgeber auch nicht gedacht. "Effektiver Lernen" richtet sich an Studienanfänger, die nicht wissen, wie sie ihr Studium organisieren können und die mit dem Bücherberg nicht zu Rande kommen. Die sind in Brigitte Chevaliers Händen gut aufgehoben.Brigitte Chevalier, "Effektiver lernen". Eichborn Verlag 1999, 250 Seiten, 29 Mark 80.

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