• Mit Dehnsucht im Herzen - Getanzter Abschied vom Liebesideal im Haus der Kulturen der Welt

Kultur : Mit Dehnsucht im Herzen - Getanzter Abschied vom Liebesideal im Haus der Kulturen der Welt

Ulrich Amling

Im Bauch des Theaters rumort es, schlagen nackte Füße gegen Wände, werden Laute der Verwünschung hörbar, ausgestoßen von einer rauhen Männerstimme. Archaische Augenblicke, die keinen Zweifel lassen: Hier soll ein Drama geboren werden, in dem die Leidenschaft rücksichtslos von ihrem grenzenlosen Besitzanspruch Gebrauch macht. Vor diesen inbrünstig beschworenen Urkräften scheint sich der schmale Körper einer Frau flüchten zu wollen, der durch die Stuhlreihen des Saales geistert.

Er gehört Marcia Haydée, 63, der ehemaligen ballerina assoluta des Stuttgarter Balletts, die ihn an diesem Abend Richard Wagners Isolde leiht. Kein junger Körper mehr, kein Gefäß erster Liebe, doch voller Erwartung noch. Mit sakraler Strenge schickt sie sich an, vom Kelch zu trinken, den die Isolde der Oper in Verachtung des eigenen Todes an die Lippen setzt. Doch das Wunder bleibt aus, der Wein scheint mit Wasser vertauscht, nur zum Gurgeln noch gut - was er, Tristan, lautstark aufführt. Ismael Ivo prustet und Marcia Haydée starrt entgeistert, so wie Paare starren, wenn sie entdeckten, dass der Partner die Zahnpastatube wieder einmal falsch ausgedrückt hat.

Zwischen den beiden Traumtänzern liegt ein weites Meer, dass nicht so blau ist, wie die strahlende Bühne es glauben machen will. Ein Meer der Enttäuschung, der Zurückweisung, der Verletzung muss von dem Paar überwunden werden. Kein Liebestrank verleiht dabei Flügel, nur die Musik ist ihnen geblieben: Immer wieder erklingt "Isoldes Liebestod", dieses klanggewordene Versprechen ewigen Verschmelzens und der Rettung der Liebe an einen sicheren Ort - den des Todes. "Ertrinken, versinken, unbewusst, höchste Lust!"

Diesen Text kennen Haydées Isolde und Ivos Tristan nur zu gut. Wie ein Fluch lastet er auf ihren Schultern, die zu den Klängen der Musik geschmeidig werden, Nähe im Tanz suchen. Bruchstücke von Paarchoreografien irrlichtern durch die Körper, heben die Schwerkraft in Bewegungen auf, die für einen Moment lang unendlich scheinen. Bis die Abstoßung einsetzt, rechtzeitig vor Wagners Auflösungsformel, vom Hinübergleiten in die Nachtwelt. Dann stehen sie da, der große schwarze Mann und die kleine weiße Frau, wirken ratlos und maßlos gealtert.

Immer heftiger tönt das Gebot der Ich-Kernschmelze durch das Haus der Kulturen der Welt: Klavier, Streichquartett, volles Orchester und zuletzt eine Sopranistin senden Wagners Lockruf aus. Immer verzweifelter dringen Tristan und Isolde zu-, an- und ineinander, immer ernüchternder tritt ihr Scheitern am Liebesideal zu Tage. "What do you want?", brüllt Ivo wie von Sinnen. Haydée antwortet nicht, doch sie bemalt seinen Körper: "Der Tod" steht dort weiß auf schwarz. Ihn fürchtet sie, kein Mädchen mehr, und zieht das einsame Lager vor.

So eindrucksvoll sich Marcia Haydée vier Jahre nach ihrem Rückzug von der Bühne auch präsentiert - diese Aufführung glänzt nicht. Sie beschwört viel und entdeckt wenig. Plustert sich auf, wo sie pulsieren sollte. Wie Ismael Ivos Tristan, der immer wieder von heftiger Dehnsucht heimgesucht wird. Doch an einem Narziss, dem alles zur Ego-Kränkung werden kann, verliert man letztlich das Interesse. Der Abschied von der idealisierten Liebe - an diesem Abend fiel er leicht.Noch zweimal heute, 16 und 20 Uhr

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