Kultur : Mit dem Bauch gefilmt

Frank Noack

Ein Autor hat keine Kontrolle darüber, welche seiner Texte Resonanz finden. Es kann passieren, dass sein ambitioniertes 1000-Seiten-Buch ignoriert wird, während eine spontan verfasste Glosse heftige Debatten auslöst. Die britische Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey ist nicht aufgrund ihrer Aufsätze über Orson Welles und Alfred Hitchcock bekannt geworden, sondern durch den von ihr geprägten Begriff „male gaze“ – „männlicher Blick“. In ihrem Aufsatz „Visual Pleasure and Narrative Cinema“ (1975) suggerierte sie, beim Film fänden sich wehrlose Schauspielerinnen dem kontrollierenden Blick des Mannes ausgeliefert. Sofort regte sich Widerspruch. Kolleginnen verwiesen auf den masochistischen Blick, mit dem Josef von Sternberg Marlene Dietrich aufgenommen habe. Und gibt es nicht auch einen asexuellen Blick? Nicht jeder Filmemacher denkt ständig an Sex. Mulvey hatte nie die Absicht, einen kanonischen Text zu verfassen; sie hielt generell nichts von Agitation. Gemeinsam mit Peter Wollen hat sie ein paar anregende Experimentalfilme inszeniert, deren bedeutendster, Rätsel der Sphinx (1977), den Ödipus-Mythos hinterfragt (Freitag im Arsenal). Es gibt jede Menge Anspielungen auf Freud, und die Kamera bleibt konsequent in Bauchhöhe, weil das der „Arbeitsplatz“ einer Mutter sei.

Halb männlich, halb weiblich ist der Blick bei den Geschichten vom Kübelkind (1971). Edgar Reitz und Ula Stöckl beschreiben darin den Lebensweg einer unangepassten Frau. In Vorwegnahme des interaktiven Fernsehens stellten sie das Werk erstmals in einer Münchner Kneipe vor und forderten die Gäste auf, die Reihenfolge der 22 gedrehten Episoden zu bestimmen. Wer am Sonnabend ins Arsenal geht, darf ebenfalls wählen. Allerdings muss man dafür Zeit mitbringen: Das Programm dauert 203 Minuten.

Ein unverhohlen männlicher Blick kennzeichnet das Werk von Rolf Olsen. Der ehemalige Kabarettist hat Klamauk- und Gangsterfilme mit Titeln wie „Das Go-Go-Girl vom Blow-Up“ und „Das Rasthaus der grausamen Puppen“ inszeniert. Sein brutalster Film kam 1972 in die Kinos und hat sich den Titel Blutiger Freitag redlich verdient (Mittwoch im Babylon Mitte). An den Körpern der Darsteller wurden Plastikbeutel voller Tomatensaft, aber auch schwarzes Schießpulver befestigt – dadurch gerät der realistisch gemeinte Reißer in die Nähe des Comics. Trash-Liebhaber werden sich an einer Sexszene erfreuen, die mit Aufnahmen aus einem Schlachthof kombiniert wurde.

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