Kultur : Mit dem Essen spielt man nicht

„Alles Kannibalen“ – eine Ausstellung über Unersättlichkeit im Me Collectors Room Berlin

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Auf Tuchfühlung. „Ohne Titel“ (2008) von Oda Jaune. Foto: Oda Jaune & Galerie Daniel Templon
Auf Tuchfühlung. „Ohne Titel“ (2008) von Oda Jaune. Foto: Oda Jaune & Galerie Daniel Templon

Fleischberg schimpfen manche einen dicken Menschen. Der britische Künstler John Isaacs fügt dem anspielungsreichen Begriff eine andere Facette konkreter Anschauung hinzu: Seine Skulptur „Things that can be are that which we know“ (2011) zeigt meterdickes Muskelgewebe aus Wachs, Latex und Theaterblut. In der Mitte steckt ein Abfluss, wie er sich auch in den Böden von Schlachtereien findet, um Blut und Exkremente schnell abzutransportieren. Noch schneller greift allerdings die Assoziation: Wer im Schlachthof arbeitet, geht auf dem Fleisch der Tiere, die hier sterben mussten.

Ihr Verzehr fällt streng genommen nicht unter jenen Kannibalismus, den die Ausstellung im Me Collectors Room Berlin thematisiert. Hier geht es Kuratorin Jeanette Zwingenberger um eine Tendenz innerhalb der zeitgenössischen Kunst: „... dass sich seit ungefähr zehn Jahren viele Künstler mit dem Thema Kannibalismus beschäftigen“. Brüste, Beine, Köpfe, Hände – alles verschwindet auf den Bildern in hungrigen Mündern. Eine Performerin wie Patty Chang isst sich in dem Video „Melons“ (1998) gleich selbst auf: In ihrem übergroßen BH steckt eine Honigmelone, aus der sie eifrig löffelt und dabei endlos redet.

Zwingenberger, deren Ausstellung zuvor im Pariser Maison Rouge zu sehen war, hat vier Jahre lang recherchiert und gesammelt. Zum Beispiel historische Postkarten, die Eingeborene auf ihrem Weg zum Mittagessen zeigen – mit einem verschnürten Menschenpaket auf dem Rücken. Dass diese schwarzweiße Fotografie aus der historischen Sammlung des Tierparks Hagenbeck stammt, weist jedoch verdächtig auf die Inszenierung dieser Wilden hin: In den ethnografischen Panoramen der Kolonialzeit wurden sie zu Unzivilisierten, die man getrost aussterben lassen konnte.

Ihre Wiederauferstehung feiern die Menschenfresser nun in aktuellen Gemälden, Skulpturen oder Zeichnungen. An die hundert Arbeiten variieren das Thema in der Ausstellung „Alles Kannibalen“: vom „Essbaren artifiziellen Mädchen“, wie es Aida Makoto aus Lebensmitteln zusammenfügt, über die surrealen Landschaften mit Körpergrafmenten von Oda Jaune bis zu den pornografischen Miniaturen eines Ralf Ziervogel, dessen Figuren die Körperöffnungen anderer Menschen ausgiebig erkunden. Eine Einverleibung ist auch das, bloß anderer, sexuell konnotierter Art.

Auf diese Spur stößt man häufiger im Showroom von Thomas Olbricht, der sich nach rund einem Jahr in Berlin und mehreren Querschnitten durch die eigene Privatsammlung nun eine Gastausstellung eingeladen hat. Momente extremer Gewalt gehören dazu, aber auch kindliche Ängste oder Phantasien, in denen man sich der übermächtigen, autoritären Erwachsenen durch ihr Verschlingen entledigt. Die übrigen Unersättlichen stellen sich konsumierend zufrieden – wobei das unstillbare Verlangen nach steigender Dosis verlangt, die wiederum tödliche Nebenwirkungen haben kann. „Consume, Produce, Die“ schreibt die Künstlergruppe Claire Fontaine in ihrer Neoninstallation, die in der Lounge über den Besuchern schwebt: Wer das aggressive Potenzial des Kannibalen einbüßt und nicht immer mehr von allem haben will, den spuckt die kapitalistische Welt einfach aus.

Zwingenbergers Auswahl ist anspruchsvoll und faszinierend. Unterrepräsentiert ist im Me Collectors Room bloß der pädagogische Aspekt: Wer weiß vor den Porträts von Pieter Hugo schon, dass dieser Albinos in Afrika fotografiert hat, weil sie einer gefährdeten Spezies angehören. Sie werden gemieden und umgebracht, weil der Besitz ihre Körperteile magische Kräfte verleihen soll. Die arme Patty Chang hat man derweil mundtot gemacht: Weil das Video gleich neben der Kasse hängt, hört man sie bloß im Flüsterton, die Arbeit verkommt zur Illustration. Damit sich nicht auch die anderen Exponate auf den schaurigen Effekt des Menschenfressens verkürzen, empfiehlt sich das erklärende Begleitheft. Oder gleich eine Führung.

Me Collectors Room Berlin, Auguststr. 68; bis 21. August, Di–So 12–18 Uhr.

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