Kultur : Mit dem Fahrrad zum Tempelfest Fotografien aus China von Ulrike Ottinger

Martina Jammers

Auf einer Bank sitzen Chinesen, versunken in klassische und neue Bildergeschichten. Es sind Kunden einer Straßenbibliothek, offenbar in der chinesischen Provinz, wie sie Ulrike Ottinger 1985 mit der Kamera festgehalten hat. Die Wände sind zugepflastert mit Leporellos, die an Kontaktabzüge erinnern – ein Tribut an jene Leser, die die damals 3000 chinesischen Zeichen nicht beherrschten.

Einem breiten Publikum ist die 1942 geborene Ottinger durch ihre Filme und die Wunderkammer „Floating Food“ im Haus der Kulturen der Welt (HKW) vor zwei Jahren bekannt, wo sie auf höchst sinnliche Weise individuelle Geschichten mit markanten Lokalitäten verband. In der Galerie Johanna Breede rollte sie jetzt eine vergangene Welt aus wunderbar grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bildern auf. Wie in einer Nussschale fängt sie Situationen und Stimmungen ein. In der präzisen Komposition und dem Sensus für Spannungen und feine Valeurs fließt Ottingers ursprüngliche Ausbildung als Malerin ein. Ihr „Fotograf und Retuscheur im alten Hutong-Viertel von Beijing“ – hingebungsvoll arbeitend und umgeben von Stiften und Vergrößerungsgläsern – scheint einem Genrebild von Vermeer entsprungen. Ottinger gelingt in diesen zumeist stillen Bildern die Balance zwischen Einfühlung und Distanz. Poetisch wie melancholisch stimmt ihre Aufnahme eines einsamen Lastenfahrrads nach dem Tempelfest: Raffiniert verbünden sich die Radspeichen mit dem Geäst des Tempelwaldes. Sogartig zieht sie den Betrachter ins Bild, wie etwa bei der Volksgruppe der Bai, die in der Provinz Yunnan lebt und durch ihre bunt bestickten Traditionsgewänder fasziniert. Doch schwelgt Ottinger nicht in gefällig-glanzvoller Folklore, zeigt vielmehr die unkoordinierte Betriebsamkeit auf einer Dorfstraße.

Oft strukturieren Treppen ihre Szenen, welche die alltägliche Schlepperei der Mühseligen und Beladenen unterstreichen. Man hört den Altpapiersammler förmlich ächzen unter seiner gewaltigen Last. Dieses Foto mit der neugierigen Alten im Eingang des ziemlich morbiden Hauses mutet an wie eine Aufnahme von Charles Marville, der seit 1850 emsig das unaufhaltsame Verschwinden des alten Paris wenigstens auf seinen Platten bewahrt hat.

Die Kunsthandlung Venske zwei Häuser weiter präsentiert zeitgleich Ottingers Farbaufnahmen aus dem tief verschneiten Japan von 2011: Impressionen mit Buddha-Statuen und Hausaltärchen, die noch eine Spur verwunschener sind. Das liegt neben der märchenhaft verschneiten Landschaft vor allem an der Inszenierung mit zwei Kabuki-Darstellern, die eine mythische Geschichte des 19. Jahrhunderts paraphrasieren. Martina Jammers

Johanna Breede Photokunst, Fasanenstraße 69, bis 23.11., Di–Fr 11–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr. Am 29.11. um 17 Uhr spricht Ulrike Ottinger über ihre Arbeit.

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