Kultur : Mit dem Herzen

Roman Rhode

Mit Dino Saluzzi hat die Stilisierung des Tangos einen Höhepunkt erreicht. Die Tanzmusik vom Río de la Plata stellt er gewissermaßen von den Füßen auf den Kopf. Allerdings liefert Saluzzi dabei keine zerebrale Spielart; er schafft sich ein selbstständiges Bezugssystem, in dem er das überkommene Genre nur noch zitiert. Das Wesen des Tangos, verhaltene Leidenschaft und rebellierende Schwermut, lässt Saluzzi im Glanz seiner Möglichkeiten aufblitzen. Neben folkloristischen Einflüssen seiner argentinischen Heimat greift er auch die Improvisationskraft des Jazz auf. Dass Saluzzi im Kammermusiksaal jedoch ein ganzes Konzert allein mit seinem Bandoneon bestreitet, dem Herzen und der Lunge des Tangos, hat Seltenheitswert. Immerhin sind die Nuancen, die der Meister seiner wendigen Konzertina entlockt, so vielfältig wie die Instrumente eines Orchesters. Manchmal zelebriert er auch die Stille: Man hört das Klappern der Knöpfe, das geheimnisvolle Atmen des Blasebalgs und das rhythmische Tappen der Schuhsohlen. Solche Perkussion wirkt wie eine Glosse zur eigenen Musik. Dann wieder verleiht Saluzzi dem Knopfakkordeon die Klangfülle einer Kirchenorgel. In dieser fast sakralen Stimmung lässt er seinen ganzen Körper mitspielen, von den Augenbrauen bis zu den Zehenspitzen. Sein Instrument umarmt er wie die geliebte Tänzerin, und mit der entrückten Mimik eines Schlafwandlers verführt er das längst im Bann des Bandoneons gefangene Publikum zum Träumen. Schöner, raffinierter, schlichter kann ein Bekenntnis zum Tango nicht klingen.

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