Kultur : Mit dem Iraner SAID wurde erstmals ein Ausländer zum Präsidenten gewählt

Katajun Amirpur

Es klingt nicht wehleidig, wenn SAID über die Kälte der Deutschen spricht. Als Iraner, der auf deutsch dichtet, hat er sich eingerichtet in seinem Exil. Wieso Deutsch, frage ich ihn. "Ich wollte verstanden werden. Ich musste mir eine Sprache suchen, in der es ein Publikum gibt", lautet seine pragmatische Antwort. Mich erstaunt, dass er nicht in Persisch, der Sprache seines Herzens schreibt. Für ihn ist dies kein Widerspruch: "Gedichte schreibt man nicht mit dem Herzen, sondern mit Wörtern. Die deutsche Sprache und ich, wir haben uns gefunden."

Nicht gefunden haben sich hingegen der deutsche Staat und er. Als SAID vor einigen Jahren einen deutschen Pass beantragen wollte, hieß es, er verdiene zu wenig. Sich um die deutsche Sprache und Kultur verdient gemacht zu haben, konnte einen leeren Geldbeutel nicht aufwiegen. Fußballspieler müßte man sein; die werden sofort eingebürgert. Dabei lebt der einundfünfzigjährige seit über dreißig Jahren in Deutschland; die Sprache dieses Landes beherrscht er besser als die meisten Beamten, die auf deutschen Ausländerbehörden arbeiten. Nach München kam SAID zum Studium. Studiert hat er viel und lange, aber keines der Fächer abgeschlossen. Die ersten Gedichte veröffentlichte er 1975; zuerst in Zeitschriften, später erscheint das erste Buch.

SAID schreibt vor allem Liebesgedichte. Damit mache man sich allerdings bei den Verlegern nicht besonders beliebt: "Die sehen einen an, als habe man Syphilis." Doch nicht nur als Lyriker hat er sich einen Namen gemacht. Vielen ist er ein Begriff wegen seines politischen Engagements. In Interviews und Artikeln macht er auf das Schicksal der verfolgten Intellektuellen aller Länder aufmerksam. Eine Zeitlang war er Vorsitzender des writers-in-prison-comitee, einer Unterorganisation des PEN-Clubs, in der vergangenen Woche wurde er zum Vorsitzenden des deutschen PEN gewählt. Wegen seiner politischen Aktivitäten kann SAID schon in den siebziger Jahren nicht mehr in den Iran, ins damalige Kaiserreich, reisen. Den Mitgliedern der "Konföderation iranischer Studenten", dem Sammelbecken der im Ausland lebenden schah-kritischen Iraner, droht in der Heimat eine mehrjährige Gefängnisstrafe. Erst nach dem Sturz des Schahs fährt er 1979 nach Iran, bleibt jedoch nur sieben Wochen. An eine demokratische Wendung habe er nicht glauben können. Also: wieder Exil, wieder München.

Es ist die Sprache, die ihn in Deutschland hält und es sind die Freunde, derentwegen er in München bleibt. Richtig wohl fühlt er sich nicht in dieser Stadt: "Wenn Kälte verbunden ist mit Provinzialität, tut sie noch mehr weh." Welten lägen zum Beispiel zwischen einem Besuch beim Bayrischen Rundfunk und im WDR in Köln. In der Stadt am Rhein ebenso wie in Berlin oder Hamburg tut man sich leichter mit der "durchrassten Gesellschaft." SAID äußert sich oft zur Ausländerproblematik - in Hörspielen und Essays; er will bleiben, sich mit seinen eigenen Mitteln wehren, mit Gedichten

Digitalisierte Dämonen, defenstrierte Demokraten, dickdarmkranke Diktatoren, durchrasste Diseusen, dünnschissige Demagogen, delektierte Dermatologen, disziplinlose Dunkelmänner, domestizierte Dinosaurier denken dauernd dialektisch, derweil die demoskopische Demokratie durch diverse Desaster dahindöst: Deutschland - Dornröschen definiert die Dolchstoßlegende, Drachenblut duldet das dünne Dach der Denker, die dritte Dimension des Damaszenerschwertes; die dauernde Diaspora. der dreifach denunzierte deutsche Dichter dementiert die Dolchstoßlegende.

Deutschland als Exil: Deutsche und Ausländer müssten nicht unbedingt zusammen leben, sagt SAID; es reiche aus, den anderen zu tolerieren. Für ihn ist Integration ein leeres Schlagwort. Er will leben mit seinen Widersprüchen, will die Gegensätze ausleben: sie sind ihm Bereicherung. Ob er sich selbst auch als eine Bereicherung für andere versteht, frage ich ihn. "Das müssen die anderen entscheiden." Doch dass man Bikulturalität auch als Chance begreifen kann, zeigen seine Gedichte, die Elemente beider Kulturen vereinigen.

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