Kultur : Mit dem Pinsel um die Welt

KUNST

Jens Hinrichsen

Der Blick aus einem Flugzeugfenster enthüllt Erstaunliches: Farblandschaften wuchern, wo sonst Wolken sind, mit Gras begrünte Erdschollen taumeln um die Tragfläche. Franz Ackermann zeigt im Kunstmuseum Wolfsburg seine „Mental Maps“: Farbschwangere Kopfgeburten, mit Graphit, Aquarell, Tusche und Filzstift schnell und gekonnt aufs Papier geworfene Topografien der Fantasie. Naherholungsgebiet lautet der Titel der Einzelausstellung (bis 29. Juni). Mal darf der Blick in diesen menschenleeren Landschaften lustvoll schlendern, dann wird er jäh in blauviolettrotgelbe Wirbel gesogen. Immer ist das Betrachterauge in Bewegung – wie der Künstler selbst immer auf Achse ist, ein professionell Reisender, der seine semiabstrakten Parallelwelten in Hotelzimmern entwirft.

Verblüffend sind Ackermanns Assoziationen im einzigen Objekt der Ausstellung, einer originalgroßen Kreuzung von Volkswagen und Helikopter – ein solches Fluchtgerät entwarfen RAF-Sympathisanten einst für Baader und Co. Wenig überzeugend dagegen die tagespolitischen Schnellschüsse in Richtung Irak-Krieg, wenn der Künstler zum Beispiel eine „Bild“-Zeitungs-Schlagzeile oder einen Anti-Bush-Spruch verwendet. Um so beeindruckender, wo die Kriegsbeklemmung bildnerische Funken schlägt, besonders in der alttestamentarischen Wucht der Aquarell-Apokalypse „Mr. Zorn & Mr. Rache“. Natur und Architekturfragmente in Fetzen, Ackermanns Kalligrafie nimmt bedrohliche Züge an.

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