Kultur : MIT DEM RÜCKEN ZUR WELT: EINSIEDLERMUSIK

Jörg W,er

Die Freaks sind zurück im Pop: Einsiedler, Aussteiger, Pilzfresser, Höhlenbewohner, Mystiker, Schamanen. Es gibt fusselbärtige Waldläufer-Typen ebenso wie feingliedrige Elfengestalten. Sie kommen aus allen, vorzugsweise aber entlegenen Ecken der USA und Kanadas. Manche treten in Tierkostümen oder Fantasieuniformen auf. Sie sind so ganz anders als die handelsüblichen Gitarrenrock-Bands und denkbar weit vom R’n’B-, HipHop-, Country-Mainstream ihrer Heimat entfernt. Mittlerweile hat sich das aus Kleinstszenen und isolierten Protagonisten bestehende Phänomen in der medialen Wahrnehmung zur „New Weird Americana“ verdichtet. Der Begriff umfasst zwar auch Psych-Metal-Bands oder Lärmavantgardisten, aber in seinem Zentrum stehen Künstler und Kollektive, deren hypersensibilisierte Tonkunst sich den gängigen Genrebegriffen entzieht. Stilistisch gibt es zwar einen deutlichen Folk-Schwerpunkt mit Verbindungslinien zu legendären Sixties-Acts wie Pentangle, der Incredible String Band oder Vashti Bunyan. Jenseits davon wird jedoch in alle Richtungen gewildert.

Wie fast immer, wenn etwas zum Trend wird, fällt es schwer, den Zeitpunkt seines Beginns zu markieren. Ist ein Will Oldham, der seit 1993 unter verschiedenen Pseudonymen bemerkenswerte Country-Folk-Mutationen veröffentlicht und auch im Habitus der Freak-Folk-Typologie entspricht, schon Teil der Bewegung oder bloß Impulsgeber? Der erste Star unter den jungen Zivilisationsflüchtlingen war zweifellos Devendra Banhart. Im großen Herzen des flamboyanten Kosmopoliten mit amerikanisch-venezolanischer Herumtreiber-Biografie hat vieles Platz: Waren seine ersten Platten noch Wohnzimmer-Geniestreiche mit lupenreinem Songwriter-Folk, so vermengte er 2005 auf Cripple Crow alles von Walter von der Vogelweide bis Marc Bolan, von archaischem Delta-Blues über Bossa Nova und schwuler Proto-Disco bis zum Drogen-Hardrock von Blue Cheer. Das Ergebnis war ein halluzinogenes Meisterwerk, das die Essenz der verarbeiteten Stile behutsam freilegt. Wobei Banharts Texte kaum weniger erstaunlich sind als die Musik: Wenn er sich nicht gleich auf Portugiesisch in die Kunst der Tropicalia-Legenden Chico Buarque und Caetano Veloso hineinimaginiert, deliriert er lyrische Fragmente, ebenso oft niedlich wie beängstigend, kindlich wie altersweise. „Cripple Crow“ ist das „Pet Sounds“ des Freak Folk, mindestens.

Das „Sgt. Pepper’s“ wäre dann Joanna Newsoms großartiges Ys, 2006 erschienen. Zwei Jahre nach dem widerborstigen Debüt verwandelte sich die Harfenvirtuosin mit der Kleinmädchenstimme dank der grandiosen Orchesterarrangements des alten Einsiedlerkrebses Van Dyke Parks und eines unglaublichen erzählerischen Atems in den bis zu 17 Minuten langen Songs von der struppigen Folk-Raupe in einen strahlenden Schmetterling.

Banharts früher Mentor war Michael Gira, der seinen exterritorialen Status aus den Achtzigern, als er die Freistilrocker Swans anführte, ins neue Jahrtausend gerettet hat. Mit seinem seit 25 Jahren aktiven Nebenprojekt Angels Of Light steht er plötzlich wieder in der vordersten Aktivistenreihe des angewandten Pop-Außenseitertums.

Oje, kein Platz mehr, dabei sollte man all die tollen Platten von Six Organs Of Admittance, Of Montreal, Animal Collective, Espers, Akron Family, Vetiver, Caribou, Comets On Fire, White Magic und zahllosen anderen wunderbaren Sonderlingen des New Weird Americana auf keinen Fall verpassen. Und ständig stößt man auf staunenswerte Neuentdeckungen: Sie kennen Justin Vernon noch nicht, der sich für Monate in den Wäldern Wisconsins verkroch und dort ein Album mit zu Tränen rührenden Balladen einspielte? Schade, denn dann haben Sie das grandiose Konzert seiner Band Bon Iver am vorletzten Sonntag verpasst. Und auch die Bowerbirds mit ihren zirpenden Folk-Minimalismen? Aber schauen Sie sich wenigstens im November die Fleet Foxes mit ihren himmelszeltweiten Gesangskathedralen an! Jörg Wunder

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