Kultur : Mit dem Zeigefinger buchstabiert

Berliner Konzerthaus: Michael Gielen und Vadim Repin mit dem BSO

Sybill Mahlke

Ein Geiger, der besser spielt als andere Geiger, wird gern ein wahrer Teufel auf der Violine genannt. Bei Vadim Repin, dem Wundergeiger aus Nowosibirsk, ist das von schwarzer Magie raunende Künstlerlob eigentlich unangebracht, weil er eher wie ein seriöser Engel spielt. Das heißt nicht, dass ihm jene Virtuosität, die der Teufel womöglich den Seinen spendet, abginge. Repin beherrscht Doppelgriffe in jeder Geschwindigkeit und blendende Flageolettvirtuosität, ohne ein Blender zu sein. Das eben zeichnet die Art aus, mit der er an das d-Moll-Konzert von Jean Sibelius herangeht: Ein interpretatorischer Ernst, dem akrobatischer Selbstzweck fremd ist. Das romantische Stück auf der Schwelle des 20. Jahrhunderts, klassisch ausgeformt, thematisch nicht immer so originell wie im ersten Satz, wird bei allem violinistischen Figurenwerk von diesem jungen Meister mit blühender Klanglyrik und unforciert tragendem Tonvolumen erfüllt. Er ist ein Instrumentalist, dem musikalische Deutlichkeit an erster Stelle steht. In seiner Sibelius-Interpretation schlummern der Tschaikowsky- und der Mozart-Spieler.

„Tapiola“, eine Tondichtung von Sibelius, die der Wohnung des finnischen Waldgottes huldigt, fordert weder den analytischen Verstand noch das dirigentische Feuer eines Michael Gielen heraus. Er buchstabiert mit dem Zeigefinger. Con brio aber stürzt er sich in die fünfte Sinfonie Beethovens, formuliert deren innere Dynamik aus, hofiert der Oboistin bei ihrer Adagio-Stelle in der Reprise des ersten Satzes und den tiefen Streichern im Andante, setzt vitale Zeichen im Fugato des Trios und leitet schließlich mit kontrollierter Freiheit in den attacca anschließenden Finalsatz über. Ein gewöhnungsbedürftiger Maestro für manche Orchester, darf Gielen sich als Erster Gastdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters mit dieser Beethoven-Interpretation bei den Musikern voll verstanden fühlen. Stürmischer Beifall im Konzerthaus reflektiert die Leistung.

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