Kultur : Mit den Augen hören - Film des Iraners Mohsen Makhmalbaf

Silvia Hallensleben

Vor einigen Tagen hat der Filmkritiker Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung einige eher abfällige Bemerkungen über das iranische Kino von "Kiorastami und Konsorten" gemacht, weil es nur das vorgefertigte Bild erfülle, das sich der Westen eh schon von ihm mache. Anlass für Kniebes Schlag war die Cannes-Premiere des neuen Films der jungen iranischen Regisseurin Samira Makhmalbaf, die letztes Jahr dort mit "Der Apfel" debütiert hatte. Samira Makhmalbaf ist die Tochter von Mohsen Makhmalbaf. Und Mohsen Makhmalbaf ist der Regisseur von "Die Stille", der nach zwei Jahren jetzt auch bei uns ins Kino kommt und ein beispielhaftes Exemplar des geschmähten iranischen Films ist. Dabei spielt "Die Stille" sogar in der Stadt, die Kniebe in den iranischen Filmen vermisst. Jedenfalls teilweise. Allerdings hat Makhmalbaf sie aus dem Iran nach Tadschikistan verlegt, wegen des dortigen Reichtums an Farben und Poesie, wie er selbst sagt. Insgeheim aber wohl auch, um den iranischen Zensurbehörden den Wind aus dem Segeln zu nehmen bezüglich der Sozialkritik in seinem Film. Denn "Die Stille" zeigt Menschen, die hart für ihr materielles Überleben zu kämpfen haben. Wie in so vielen iranischen Filmen stehen Kinder im Mittelpunkt. Korshid ist ein blinder Junge, der den Lebensunterhalt für sich und seine Mutter damit verdient, dass er bei einem alten Instrumentenbauer die Saiten stimmt. Ein Mädchen namens Nadereh begleitet ihn auf dem mühseligen Weg von der Vorstadt zu seinem Arbeitsplatz in der Stadt. Trotzdem geht Korshid auf diesem Weg oft verloren. Sein hochsensibilisiertes Hörempfinden lässt sich allzuschnell von den Sirenen, die im Großstadtdschungel locken, auf Abwege führen. Eine Melodie aus dem Kofferradio, ein Sänger irgendwo im Gewühl, oder auch nur ein paar Kesselschmiede, die ihre Töpfe behämmern: Schon ist der Junge vom Weg abgekommen. Korshid kommt zu spät zur Arbeit. Der Meister kündigt. Und daheim droht der Hausherr mit Rausschmiss, wenn die Miete nicht sofort bezahlt wird.

Eine schlichte Geschichte, die sorgsam in Szene gesetzt ist. Im Zentrum: Korshids Engelsgesicht und die mädchenhafte Schönheit seiner Begleiterin. Ein runder Mund, ein schwarzer Zopf, ein paar am Ohr wippende Kirschen. Makhmalbar nutzt die Anmut seiner Hauptdarstellerin Nadereh Abdelajeva weidlich aus. Manchmal gelingt es ihm, sie in reine Schönheit zu übersetzen. Die Tonspur macht sich selbständig und verliert sich in Bienensummen und Meeresrauschen. Und dann ist da noch Beethoven, dessen fünfte Symphonie mit ihren Anfangsschlägen das Grundmotiv liefert - die Schicksalsschläge eines tauben Komponisten in den Ohren eines blinden iranischen Jungen. Multikulti von der anderen Seite. Und Teil einer Jubelfeier für die Sinne, die Mahkmalbaf in seinem Film unternimmt.

In "Gabbeh", Makhmalbars letztem Film, waren die Farben und Muster, die in die gleichnamigen Teppiche verwoben werden, der Anlass zum Nachdenken über den Lauf des Lebens. In "Die Stille" werden nun die Alltagseindrücke eines blinden Jungen zu poetischem Rang erhoben, wobei es ironischerweise auch viel zu schauen gibt. Nicht nur Töne, auch Granatäpfel und Kirschen werden am Wegesrand feilgeboten. Und der Dichter Omar Chajam ermahnt uns in seinen Versen, im Hier und Jetzt zu leben, das Leben sei kurz genug. Vielleicht ist Korshid ja doch auf dem rechten Weg, wenn er der Musik folgt?

Uralte Frage, zugegeben. Aber im aufbrechenden Iran der Mullahs immer noch besonders aktuell, wie schon die Tatsache zeigt, dass eine Tanzszene in diesem Film zensiert wurde. Mohsen Makhmalbaf ist einer der von Kniebe so genannten "Konsorten": neben Abbas Kiarostami zur Zeit der bedeutendste Regisseur des Irans. Das von Kniebe gewünschte schnelle Großstadtkino bietet auch dieser Film nicht. Aber das haben wir ja vor der Haustür.In der Filmbühne am Steinplatz und in den Hackeschen Höfen (jeweils OmU)

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